Eine der interessantesten Teufelsdarstellungen unserer Zeit bietet Mikhail Bulgakov in seinem 1940 fertiggestellten Roman Der Meister und Margarita. Das Buch erzählt, wie der Leibhaftige unter dem Namen Professor Woland mit seinem Gefolge nach Moskau reist, um dort seinen jährlichen Frühlingsball abzuhalten und es berichtet von den allgemeinen Verwirrungen, die diese Reise bei jedem hinterlässt, der der der Schar auf die eine oder andere Weise über den Weg läuft.
Dabei unterscheidet sich Woland die gesamte erste Hälfte des Buches über kaum von der typischen Teufels-Inkarnation. Praktisch jedes Mitglied der Moskauer Gesellschaft, das ihm begegnet, stellt sich als arrogant, gierig oder schlichtweg dumm heraus, und sie alle werden von ihm oder seinen Dienern auf die eine oder andere Weise abgestraft. Auf diese Weise bietet Bulgakov in seinem Roman eine so sarkastische wie trockene Kritik an der russischen Gesellschaft und dem Staatssystem, die dafür sorgte, dass Der Meister und Margarita mehrere Jahrzehnte auf seine Veröffentlichung warten musste.

Doch ein Teufel, der nur da ist, um die Menschen heimzusuchen und wahllos Unheil zu stiften, ergibt außerhalb einer simplen Märchenstruktur kaum einen Sinn. Straft er dagegen nur die Bösen, so entsteht die Frage, ob er dadurch nicht schon wieder eine gute Macht darstellt – und in dieser Funktion liegt der Gedanke nicht so fern, dass er auch die guten Menschen belohnen kann. Man denke an das Grimm‘sche Märchen Des Teufels rußiger Bruder, in dem ein armer Soldat für seinen siebenjährigen harten Dienst in der Hölle schließlich mit Geld und Prinzessin bedacht wird.
So ist auch Woland in Der Meister und Margarita alles andere als der simple Widersacher Gottes. Im zweiten Teil des Buches, der sich auf einen erfolglosen Schriftsteller und seine Geliebte – den titelgebenden Meister und Margarita – konzentriert, gelingt es Margarita schließlich, mit Wolands Hilfe so etwas wie ewiges Heil für sich und ihren Liebsten zu erlangen. Das heißt nicht, dass sich der Teufel besonders gnädig zeigt; ähnlich wie der Soldat Hans in dem Märchen muss sich auch Margarita ihr Glück hart erarbeiten, indem sie eine lange Nacht über als Königin des Frühlingsballes Schmerzen und Leid erduldet. Doch schließlich gewährt Woland ihr nicht nur die Erfüllung ihres Wunsches; als sie zuerst Gnade für eine der Verdammten erbittet, ist er nicht bereit, ihre Selbstlosigkeit auszunutzen und erlaubt ihr zusätzlich noch eine zweite, eigene Bitte.

Die dritte Erzähllinie, die in dem Roman immer wieder eingestreut wird, ist die Geschichte von Pontius Pilatus und von seinen Selbstzweifeln nach der Verurteilung des einfachen Philosophen Jeschua han-Nasri. Auch wenn der Teufel in dieser Zeitebene nicht direkt in Erscheinung tritt, wird klar genug, wie sehr ihm diese Geschichte am Herzen liegt – Berlioz, das erste „Opfer“ des gesamten Buches, erregt Wolands Aufmerksamkeit ja erst mit der Behauptung, dass es Jesus nie gegeben habe.
Pilatus selbst wird als gequälter Mensch dargestellt, dem im Buch sehr viel mehr Charakter verliehen wird als Jeschua selbst. Jeschua dagegen wird als menschliche Gestalt zwar nicht in ein schlechtes Licht gerückt, aber er stellt einen vollkommen gewöhnlichen, von Angst vor der Verurteilung beherrschten Menschen dar, an dem kaum etwas Heiliges ist. Er beschwert sich vor Pilatus offen, dass die Aufschriebe, die ein gewisser Levi Matthäus über ihn fertigstellt, kaum etwas mit der Wahrheit zu tun haben.
Gerade wenn am Ende des Buches Woland und Levi direkt aufeinandertreffen und miteinander reden wird deutlich, welch simple, fundamentalistische Sicht Levi verkörpert; gerade in ihm werden all die typischen Sichtweisen ausgedrückt, nach denen der Teufel nichts als ein bösartiger Widersacher des Lichtes ist. Die einfache Logik, mit der Woland Levis Worte auseinandernimmt wird noch unterstrichen dadurch, dass es ja gerade Gott (oder Jeschua) selbst ist, der den Jünger mit seiner Weisung zu dem Teufel gesendet hat.
Woland soll Margarita und dem Meister Frieden verschaffen, nicht Licht. Die beiden haben sich kein güldenes Paradies verdient, doch sie bekommen gerade, was sie sich gewünscht haben: ewige Zweisamkeit in ihrer eigenen, kleinen Welt, einer Art fahlen Limbo. Und es ist der Teufel, der ihnen dieses Heil schenken kann, nicht Gott. Jeschua ist da, um Pilatus in einer sehr viel sphärischeren Lichtwelt zu empfangen, doch für Margaritas einfachere, geradezu mondäne Belohnung ist Woland zuständig.
Nach dieser Interpretation von Licht und Schatten hat Gott zwar die Macht, dem Teufel zu befehlen und dieser gehorcht, doch er scheint dies nicht als unterwürfiger Diener zu tun. Gleichzeitig ist der Teufel Gott auch nicht gleichgestellt, schon gar nicht in einem einfachen Gut-Böse-Dualismus. Wenn man das Verhältnis, in dem Jeschua und Woland in diesen letzten Szenen des Buches zueinander stehen, in Worte fassen will, so würde eine Unterscheidung zwischen himmlisch und weltlich vielleicht noch am ehesten zum Ziel führen. Damit stellt Woland eine der wenigen Versionen einer Teufelsgestalt dar, deren Existenz nach simpler Logik und auch in Anbetracht der Allmacht Gottes einen Sinn ergeben könnte.

Bulgakovs Roman ist bisher mehrmals verfilmt worden, doch die meiner Meinung nach treffendste Adaption ist die zehnteilige Fernsehserie von 2005. Nicht nur gibt die lange Laufzeit Raum, gerade die absurderen Episoden des Buches einzufangen, sondern vor allem bietet diese Serie die richtige Atmosphäre, um den oft geradezu mythischen Charakter perfekt darzustellen. Gerade die Szenen mit Margaritas Hexenritt und ihrer Rolle auf dem Frühlingsball halten genau die richtige Schwebe zwischen einem teuflischen Hexensabbat und einem unschuldigen Naturritus:

Nicht zuletzt bietet die Serie auch einen absolut fesselnden Soundtrack; vor allem das zweifelsfrei kraftvollste Stück, Woland Theme, stellt mit seinem schmetterndem Chor ein einmaliges Gänsehautmaterial dar. Der Text besteht aus den immer wieder wiederholten Bruchstücken „Sator arepo tenet opera rotas“ (dem „magischen“ Sator-Quadrat, das eine Verbindung von christlichem Symbolismus und mathematischer Buchstabenspielerei darstellt), „Igne natura renovatur integra“ und „INRI“ (christliches Akronym, das mehr als alles andere mit Pontius Pilatus verbindet und seine alchemistische Interpretation „Die gesamte Natur wird durch das Feuer erneuert“) und schließlich dem allzu offensichtlichen „Abrakadabra“.
So unterstreicht der lateinische Text mit seiner unterschwelligen, beinahe versteckten Botschaft noch einmal eines der Themen, die sich durch das gesamte Buch ziehen: die Verflechtung von Licht und Schatten, von mystisch und mondän. Und es ist allzu passend, dass es gerade Woland ist, dem dieses Stück und die darin enthaltenen Paradoxen gewidmet sind.