Ich habe einige Zeit darüber nachgedacht, wie ich diesen Artikel schreiben soll. Alleine darüber, wie ich eine Überschrift finde, bei der sich ein Großteil der Leser (und insbesondere die anvisierte Zielgruppe!) nicht sofort empört abwendet. Ehrlich gesagt bin ich ja beinahe erstaunt, dass ich das Wort ‚Nigger‘ in diesem Blog offen ausschreiben und sogar im Titel verwenden darf. Aber natürlich sind all diese Überlegungen ziemlich sinnlos, denn in dem Moment, da ich mich für dieses Thema entschieden habe, war klar, dass ich bei manchen Lesern mit Sicherheit Empörung auslösen werde.
Andererseits geht es hier um Huckleberry Finn, es geht um große Literatur, und solange ich in Sachen Empörung mit Mark Twain in einem Boot sitze, kann ich mich wirklich nicht beschweren.
Kurz gesagt können wir wohl festhalten, dass der Bereich Political Correctness und der richtige Umgang damit ein außerordentlich komplexes Thema darstellen.

Mark Twains Die Abenteuer von Huckleberry Finn stellt zweifellos einen der Meilensteine der amerikanischen Literatur, oder eher der Literatur überhaupt dar. Oder wie Ernest Hemingway es ausdrückte: „All American writing comes from that. There was nothing before. There has been nothing as good since.“ Und dennoch (oder wohl eher deswegen) ist Huckleberry Finn gleichzeitig eines der kontroverstesten Bücher überhaupt, und das von seinem Erscheinen an bis zum heutigen Tag.
Das Buch ist 1884 erschienen, doch die Handlung ist ein halbes Jahrhundert früher angesetzt, zu einer Zeit, da die amerikanischen Südstaaten noch im Selbstverständnis ihrer gottgegebenen Sklavereikultur lebten. Die Erscheinungszeit des Buches zwei Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg war für dieses Thema wohl ideal: Twain war gut genug mit den früheren Zuständen vertraut um in seinem Werk ein realistisches Bild davon zu zeichnen, mit gerade dem nötigen Abstand, den eine so umfassende Gesellschaftsstudie brauchte. Auf diesem Nährboden entstand die Geschichte des Waisenknaben Huck Finn und des entflohenen Sklaven Jim, die sich gemeinsam auf den Weg in die Freiheit machen.

Wenn das Buch auch seit seinem Erscheinen einen ungebrochenen Erfolg feiert, so gab es von Anfang an doch kritische Stimmen, die die Eignung von Twains Werk gerade für die Jugend heftig in Frage stellten. Dabei ist allerdings anzumerken, dass solche Kontroversen damals eine etwas andere Richtung einschlugen als heute – bei seinem Erscheinen galt Huckleberry Finn für viele als zu ungehobelt und ordinär für unschuldige Kinderseelen. Zum Glück gehörte Twain nicht zu der Sorte Menschen, die sich durch solche Anschuldigungen einschüchtern lässt, wie insbesondere seine Antwort an die New Yorker Brooklyn Public Library beweist, wo Huckleberry Finn wegen „Obszönität“ verboten worden war:
„Was Sie sagen, verstört mich zutiefst. Ich habe „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“ ausschließlich für Erwachsene geschrieben, und es hat mich immer wieder bekümmert, zu erfahren, dass man Jungen und Mädchen an die Bücher gelassen hat. Ein Geist, der in der Jugend verdorben wird, kann nie wieder reingewaschen werden. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, und bis zum heutigen Tag trage ich eine ungemilderte Bitterkeit gegen die unzuverlässigen Hüter meiner jungen Jahre, die es mir nicht nur erlaubten, sondern mich direkt nötigten, vor meinem fünfzehnten Lebensjahr eine ungekürzte Bibel durchzulesen. Niemand kann das erdulden und dabei diesseits des Grabes je wieder einen sauberen Atemzug tun.“

Nun haben sich die Zeiten seitdem geändert, und die Vorwürfe, die sich das Buch heute anhören muss, gehen in eine andere Richtung. Wenn Huckleberry Finn heute das vierte am meisten verbotene Buch ist, so liegt das nicht an seinem eher raueren Tonfall – nein, es ist ausgerechnet der Vorwurf des Rassismus, der Twains Meisterwerk heute mit schöner Regelmäßigkeit trifft. In Huckleberry Finn wird eine bis ins Mark von Rassismus durchdrungene Südstaatengesellschaft gezeichnet, und im Zuge dieser Darstellung kommt es auch zu einer für heutige Ohren auffallend hohen Quote des Wortes ‚Nigger‘. 219 Mal kommt das Schimpfwort im Buch vor, meistens als Teil der Hintergrunderzählung, und damit direkt aus der Feder von Ich-Erzähler und Hauptfigur Huckleberry Finn.
Wenn die Kontroversen zu diesem Umstand auch nicht neu sind, so haben sich die Anklagen in der letzten Zeit doch erhöht, so dass der Englischprofessor Alan Gribben vor wenigen Jahren eine „bereinigte“ Edition des Buches herausbrachte, in der das Wort ‚Nigger‘ durchweg mit ‚Sklave‘ ersetzt wurde – ungeachtet von Stil, Bedeutung oder Zusammenhang. Natürlich blieb dieser offensive Schritt nicht ohne Kritiken und Reaktionen. Die kreativste davon ist wohl das Erscheinen von „The Hipster Huckleberry Finn“, einer alternativen Zensur, in der statt ‚Nigger‘ nun ‚Hipster‘ zu lesen ist, mit der Erklärung „Thanks to editor Richard Grayson, the adventures of Huckleberry Finn are now neither offensive nor uncool.“

Doch wenn man die Gründe, die für einen derartigen Eingriff in Twains klassisches Werk sprechen mögen, offen betrachtet, welche Schlussfolgerungen ergeben sich dann?
Auch wenn das keiner Erwähnung bedarf, so will ich unterstreichen, dass die heutige Benutzung des Wortes ‚Nigger‘ als Schimpfwort, in welchem Kontext auch immer, unentschuldbar bleibt, und so ist das Wort mittlerweile dankenswerterweise zu einem absoluten Tabubegriff verkommen. Anders zu der Zeit, da Huckleberry Finn spielt: Damals gehörte die Bezeichnung ‚Nigger‘, genau wie die Sklaverei selbst und alle damit verbundenen Gräueltaten zum ganz gewöhnlichen Alltag. Das heißt absolut nicht, dass es gut so war, doch es war Realität, und so wäre es absurd und heuchlerisch, eine andere Darstellung dieser Zeit zu liefern. Ja, auch die durchweg positive Figur Huck benutzt den Begriff – eben weil das Wort zum damaligen Sprachgebrauch gehört, nicht mehr und nicht weniger.

Am Ende liegt genau darin die Genialität von Twains Werk und seiner berühmtesten Figur: Huck ist eben keine ideale Erlöser-Gestalt, er ist nicht moralisch allwissend, und ist seiner Zeit auch nicht voraus. Er ist einfach ein normaler Junge, aufgewachsen in einer rassistischen, menschenverachtenden Gesellschaft. Und so ist es eben dieses Sklaverei-geprägte Gesellschaftsbild, das er auf selbstverständliche Weise auch zu dem seinen gemacht hat.
Die Folge davon: Wenn Huck seinem Freund Jim hilft, zu fliehen und in die Freiheit zu entkommen, dann tut er das ganz aus eigenem Antrieb. Es ist keine höhere, von oben eingetrichterte Erkenntnis, die ihn dazu bringt, er ist kein Übermensch, der auf sich gestellt und ohne Leitung den Irrtum einer ganzen Gesellschaft erkennt. Er ist einfach ein aufrechter Junge, der sich von seinem eigenen Gefühl, seinem eigenen Gewissen führen lässt und das tut, was er im Innersten tun muss.
Diese klare, unschuldige Denkweise ist am besten in einer Szene etwa in der Mitte des Buches zu sehen, in der Huck sich nach langen Selbstkämpfen schweren Herzens entschließt, das „Richtige“ zu tun und Jim zu verraten. Huck ist in diesem Moment überzeugt, dass es das ist, was er tun müsste – das, was Gott und die Menschen gleichermaßen von ihm erwarten. Er ist eben nicht seiner Zeit voraus; im Gegenteil ist er fest in den Grundsätzen seiner Umgebung verankert. So sehr, dass Huck überzeugt ist, er würde in die Hölle kommen, wenn er Jim nicht an seine rechtmäßige Besitzerin zurückliefert.
Und was geschieht? Am Ende bringt Huck den Verrat an seinem Freund nicht übers Herz. Nicht, weil er als Überfigur geschrieben ist, nicht weil er seine Gesellschaft als falsch und sich selbst als im Recht erkennt. Einfach, weil Jim sein Freund ist, und weil er es nicht ertragen könnte, ihn wieder als unfreien, von seiner Familie getrennten Sklaven zu sehen. Vermeintlich auf Kosten seines eigenen Seelenheils trifft Huck diese Entscheidung, besiegelt mit den schicksalsschweren Worten: „Nun gut, dann fahre ich eben zur Hölle!“
Kann es auf moralischer Ebene einen stärkeren Konflikt geben?

Professor Gribben, der die „Bereinigung“ des Buches initiiert hat, berichtete von verschiedenen öffentlichen Lesungen des Buches, wobei es den Zuhörer sichtlich angenehmer war, wenn er das Wort ‚Nigger‘ durch ‚Sklave‘ ersetzte.
Es war ihnen „angenehmer“? Das ist der wahre Grund?!
Ja, die Benutzung des Wortes im Kontext des Buches ist schlimm. Die gesamte im Buch dargestellte Gesellschaft ist schlimm – war in der Realität schlimm. Es scheint mir ein seltsamer Gedankengang, ein unangenehmes Wort im Kontext einer Geschichte zu vermeiden, nur weil die reelle Nutzung des Wortes beleidigend ist. Es ist eine Geschichtsbeschönigung wie jede andere auch – genauso gut könnte man die Misshandlung der Sklaven mittels Peitschenhieben durch eine nette Kissenschlacht ersetzen. Vielleicht wäre das dem einen oder anderen Zuhörer dann auch angenehmer?

Nein, die in Huckleberry Finn genutzte Sprache ist nicht immer angenehm. Gegen Ende des Buches gibt es einen Austausch, in dem Huck die Verspätung eines Schiffes erklärt – ein Schwindel, der in der Situation betont unauffällig klingen soll.
„Es war nicht grad, weil wir ausgelaufen sind – das hat uns bloß ein bisschen aufgehalten. Aber uns ist ein Zylinderkopf geplatzt.“
„Gott im Himmel! Gab’s Verletzte?“
„Nö, Ma’m. Nur’n toten Nigger.“
„Na, so ein Glück, weil manchmal werden dabei auch Menschen verletzt.“
Jedes Mal wenn ich diese Stelle als Kind gelesen habe, hat sie mir wie ein Faustschlag in den Magen geschlagen. Es ist wohlgemerkt eine Szene gegen Ende des Buches, nachdem der Leser Wochen mit Jim verbracht hat und ihn, ebenso wie Huck selbst, als Freund sieht. Und die Verwendung des Wortes ‚Nigger‘ unterstreicht hier wie im Rest des Buches nur einen Punkt: dass es falsch sein muss, einen Menschen auf diese Weise zu betrachten, so falsch, wie nur irgendetwas auf dieser Welt sein kann.

Kein Zweifel: Huckleberry Finn ist harsch, das Buch ist offensiv und es ist oft nicht angenehm zu lesen. Es zeigt eine andere Zeit, eine Zeit, die in unserer Kultur zum Glück vorbei ist, und die dennoch in Erinnerung bleiben wird. Huck Finn ist ein Junge, der fest in dieser Zeit verwachsen ist, der die Sklaverei für gottgegeben hält und seinen Freund als ‚Nigger‘ bezeichnet – und der dennoch alles was er geben kann, selbst seine Seele, freudig opfert, um diesem Freund zu helfen.
Eben deshalb ist die Gestalt von solch großer Bedeutung. Und eben darin liegt der Wert dieses Buches.