Jüngst ist mit Asterix bei den Pikten ein neuer Asterix-Band erschienen – heutzutage ein seltenes und durchaus bemerkenswertes Ereignis. Dies zum einen, weil neue Abenteuer des kleinen Galliers selten geworden sind; der letzte neue Band kam 2005 vor nunmehr acht Jahren heraus. Zum anderen aber stellt gerade dieser Band ein spannend Ereignis dar, ist es doch der erste Band überhaupt, der nicht von den Schöpfern der Reihe selbst geschrieben wurde. Nun stellt sich die Frage: Wie ist dieser Band gelungen?
Meiner Meinung nach muss man dafür etwas ausholen …

Die Reihe um Asterix den Gallier stellt zweifelsohne einen absoluten Klassiker der Comicbuchliteratur dar. Wenn es heutzutage auch beinahe verständlich ist, dass „Graphic Novels“ so durchdacht und tiefsinnig sein können wie jede andere Literaturform, so sah die Comiclandschaft vor fünfzig Jahren noch etwas anders aus. Für eine ganze Generation fühlte es sich wie Neuland an, als mit dem kleinen, unbesiegbaren Gallier Slapstick-Humor mit feinem Sarkasmus, Comic-Historie mit anspruchsvollen Anspielungen an die Traditionen der verschiedensten europäischen Völker kombiniert wurde.
Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo stellten über Jahre hinweg ein geniales Team dar und produzierten in beeindruckender Regelmäßigkeit einen Comicbuch-Klassiker nach dem anderen. Doch gerade bei solch einer perfekten Zusammenarbeit stellt sich im Ernstfall die Frage: Was tun, wenn das Team auseinandergerissen wird? Nachdem Goscinny 1977 mitten in der Arbeit zu Asterix bei den Belgiern verstarb, musste sich Uderzo notgedrungen mit dieser Frage auseinandersetzen – und er entschied, das Erbe Asterix alleine weiterzuführen. Eben an dieser Stelle beginnt es in Asterix bei den Belgiern zu regnen und hört bis zum Ende jenes Bandes nicht mehr auf.
Anfangs wurde Uderzo der großen Aufgabe, der er sich alleine stellte, erstaunlich gut gerecht. Auch wenn die Erscheinungsfrequenz der Bände von zwei- bis dreimal pro Jahr auf alle zwei Jahre zurückging, erschienen in dieser Zeit einige Asterix-Schätze, die sich von Inhalt und Stil kaum von ihren Vorgängern unterscheiden. Mit Der Sohn des Asterix schließlich findet die Reihe so etwas wie ein umfassendes Finale, wenn die unbeugsamen Gallier erst- und einmalig mit Cäsar und Kleopatra gemeinsam ihr Festmahl feiern.

Ab diesem Punkt zeigt sich ein weiterer Schnitt, in seinen Auswirkungen wohl sehr viel stärker als der Tod von Goscinny selbst. Vier Jahre nach Der Sohn des Asterix beschließt Uderzo, doch weitere Asterix-Bände herauszubringen – in wiederum längerem Erscheinungsrhythmus und mit immer phantastischerem, realitäts- und historienfernerem Inhalt. Mit Asterix im Morgenland kommt (trotz fliegender Teppiche und zürnender Regengötter) noch einmal ein Meisterwerk, dann geht es bergab. Asterix und Maestria ist absurd und übertrifft in seinen Frauenklischees die liebevollen Seitenhiebe aller früheren Bände bei weitem. Obelix auf Kreuzfahrt rutscht vollkommen ins Fantasy-Genre an, ohne die Logik und innere Konsequenz, die die mythische Asterix-Welt immer ausgemacht hat. Asterix und Latraviata scheint sich mit primitiven Comic-Klischees nur mehr über sich selbst lustig zu machen – von dem neuen, beeindruckend unfähigen Übersetzer ganz zu schweigen.
Es wird von Band zu Band immer klarer, dass Uderzo keinen Schlusspunkt finden kann. Und das ist kein Wunder – der Mann hat die letzten vierzig Jahre seines Lebens mit den Abenteuern des Galliers verbracht, ist das Lob und den Ruhm für dessen Erfolg gewohnt. Nun krallt er sich an einer Welt fest, der er schon lange nichts Sinnvolles mehr hinzuzufügen hat. Die Entwicklung der Bände wird stetig schlimmer, bis sie schließlich eskaliert. Über Gallien in Gefahr bleibt nicht viel zu sagen; belassen wir es dabei, dass dieser Asterix-Band mehr als genug ist, um jeden Wunsch nach weiteren Abenteuern des kleinen Galliers im Keim zu ersticken.
Ob Uderzo nun den Fehler seines eigenen Machwerks erkannt hat, oder ob er nur auf die Enttäuschung der Fans reagierte, auf jeden Fall stellt dieser Band das letzte gallische Abenteuer aus seiner eigenen Feder dar. Doch nicht das letzte Abenteuer überhaupt: Nach einer langen Pause hat Uderzo schließlich den Stab übergeben und unter dem neuen Autorenduo von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad erschien nun der neueste Band der Serie: Asterix bei den Pikten.
Die Meinungen der verschiedenen Kritiken, was dieses Werk anbelangt, sind auffallend einstimmig. Überall liest man von einem zufriedenstellenden Band, nichts Großartiges, aber doch eine klare Verbesserung, sozusagen ein ganz gelungener erster Schritt auf dem weiteren Weg der Comic-Reihe. Ist es also ein neuer, vielversprechender Auftakt für weitere Abenteuer? Meiner Meinung nach nicht. Ich sage, dass gerade dieser Band der endgültige Schlussstein für Asterix, so wie wir ihn kennen, darstellt.

Asterix und seine gesamte Welt war immer vor allem eines: etwas Besonderes. Von Anfang an stellte die quirlige Riege der unbesiegbaren Gallier eine ganz eigene Stilrichtung dar, weit entfernt von den so männlichen Superhelden und Cowboys, die in den amerikanischen Comicheften haufenweise zu finden waren. Und selbst in seinem (oder eher Uderzos) Abstieg ist Asterix immer er selbst geblieben – wenn die letzten Bände auch schlecht waren, so waren sie doch besonders schlecht, auf eine völlig eigene, unnachahmliche Weise. Asterix bei den Pikten dagegen ist einfach durch und durch gewöhnlich.
Ich will gar nicht mit der Geschichte anfangen, sie ist für die Asterix-Welt typisch genug: Ein Fremder kommt ins Dorf der unbesiegbaren Gallier, bittet um Hilfe, und Asterix und Obelix begleiten ihn zurück in seine schottische Heimat. Die Frage ist hier sicher nicht was, sondern wie. Es ist klar, dass sich die neuen Autoren unter schweren Bedingungen beweisen mussten; sie hatten ein übermächtiges Erbe vor sich, dem sie gerecht zu werden hatten. Dabei ist es unausweichlich, dass sie nichts wirklich „Neues“ schaffen konnten, ohne den Zorn der Fans zu erwecken – aber das wäre auch nicht nötig. Die Hälfte aller bisherigen Asterix-Bände ist schließlich nach diesem einfachen Prinzip aufgebaut und sie funktionieren wunderbar.
Der entscheidende Unterschied zu früher besteht darin, dass mit perfektem Feingefühl Altbekanntes wiederaufgegriffen und gesteigert wurde, und gleichzeitig neue Ideen und Erzählprinzipien eingeführt worden sind – und das mit geradezu spielerischer Leichtigkeit. In diesem Band dagegen ist wenig Spielerisches, durchweg ist die Angst der Autoren spürbar, ihrem Ziel nicht gerecht zu werden. Es geht ihnen darum, möglichst viel Bekanntes einzubringen, möglichst irgendeinen Ansatzpunkt zu finden, um ihr Publikum zu erreichen, auch wenn kaum etwas davon in die Situation passt oder gar sinnvoll eingebunden wird. Hier wird Troubadix mit einem weggeworfenen Nebensatz ins Wasser geschubst, dort tauchen die Piraten ohne Ein- oder Ausklang auf und werden so kurz abgefertigt, dass die Schadenfreude leicht in Groll gegen unsere Hauptfiguren umschlägt. Immer wieder beginnen Asterix und Obelix sich zu streiten, wie um an wundervolle Episoden aus Asterix und der Kupferkessel oder Die Lorbeeren des Cäsar zu erinnern – doch im Gegensatz zu damals sind ihre Streitereien hier kurzgefasst, ohne wirklichen Grund und ohne Versöhnung, ein ärgerliches Gekeife, das die beiden in einem äußerst unangenehmen Licht darstellt.

Der ganze Band schmeckt nach Verzweiflung, nach dem krampfhaften Versuch, alte Zeiten wiederaufleben zu lassen, ohne Grund für irgendeine Art Ärger zu schaffen. Meiner Meinung nach stellt dieser Comicband also definitiv keinen Wendepunkt zum besseren dar. Natürlich könnte sich das bei weiteren Bänden noch ändern, schließlich ist theoretisch alles möglich – aber wenn, dann nicht auf dieser Linie. Asterix bei den Pikten stellt künstlerisch gesehen eine absolute Sackgasse dar. Asterix ist gewöhnlich geworden, und was das Allerschlimmste ist, schlimmer als jede Unart der späteren Uderzo-Werke: Er ist langweilig. Also nein, dieser Band ist kein Neuanfang, sondern ein absoluter Fehlschlag.
Nu klingt diese Einschätzung vielleicht einigermaßen düster, doch so ist sie durchaus nicht gemeint. Nein, ich denke nicht, dass wir noch weitere Abenteuer des kleinen Galliers zu erwarten haben, die an die Genialität vergangener Zeiten herankommen – aber dennoch hinterlässt die jüngste Entwicklung bei mir ein eher positives Gefühl: Asterix hat endlich seinen Frieden.
Es gibt 28 wundervolle Bände, die weiterhin bestehen bleiben und zum immer wieder Lesen einladen, und in gewisser Weise sind das genug. Ich habe jahrelang damit gekämpft, mit der aktuellen Entwicklung von Asterix endlich abzuschließen, doch ich konnte es nicht, solange Uderzo selbst noch Bände herausbrachte, Bände, die immer noch die eine oder andere Faser der Originale in sich trugen. Jetzt aber hat der neue Asterix für mich nichts mehr mit dem Original zu tun, und das gibt mir persönlich die Möglichkeit, meine Sammlung der genialen Comic-Abenteuer endlich ein für alle Mal abzuschließen.