Im Gefüge der Disney-Studios haben die Prinzessinnen einen ganz besonderen Status inne. Bei Disney Princess handelt es sich momentan um das gewinnbringendste Franchise überhaupt – noch vor anderen Disney-Giganten wie Star Wars oder Winnie Puuh.

Und in ihrer Rolle als „Disney-Prinzessin“ haben Arielle, Schneewittchen und Co. einige Veränderungen gegenüber ihren ursprünglichen Film-Charakteren hinnehmen müssen. Die ganze Reihe ist hoffnungslos verkitscht; die Prinzessinnen wurden für ihr neues Kleine-Mädchen-Publikum vollkommen pervertiert, mit rosa Glitzer bedeckt und zu reinen Modenschau- und Teeklatsch-Anhängerinnen degradiert. Alleine eine furiose Internet-Kampagne hat Disney davon abzuhalten, selbst Merida dieser Hirnwäsche zu unterziehen und zur „perfekten Prinzessin“ umzustilisieren.
Besonders auffallend ist diese seit langem etablierte Disney-Politik, wenn man sich in den Disney-Stores oder den Disneyland-Läden in der Prinzessinnen-Abteilung umschaut. Die Wände mit den entsprechenden Regalen folgen meist eier sehr genauen Farbunterteilung, so dass die kleine Möchtegern-Prinzessin auch auf den ersten Blick erkennen kann, an welcher Seite sie nun Artikel zu Cinderella, Belle oder Rapunzel finden kann. Jede der Disney’schen Damen hat eine genau spezifizierte Farbskala, und so folgt das gesamte Franchise einer festgelegten Farbcodierung. Es würde sicher schwierig werden, beispielsweise eine rote Cinderella-Tasche oder ein grünes Diadem mit Bild von Belle darauf zu finden.
Das Prinzip ist so simpel und verständlich, wie es albern ist. Zum einen wird es den (in ihren Filmen immerhin sehr genau charakterisierten) Damen absolut nicht gerecht, sie in solch erzwungener Eintönigkeit darzustellen. Und zum anderen stellt sich die Frage, wie lange Disney diese Art der Farbunterscheidung noch gewaltsam durchdrücken will – bei der momentanen Geschwindigkeit, mit der neue Prinzessinnen eingeführt werden, bleiben schließlich bald keine neuen eindeutig verteilten Farbschemen mehr übrig.
Bei all diesem Marketing-Unfug stellt sich die Frage, wie weit die Idee der eindeutig kolorierten Prinzessinnen denn eigentlich zurückreicht. Wann begann die Idee der Vermarktbarkeit Einzug in den kreativen Schöpfungsprozess der Filme zu nehmen?

Gerade bei Disneys allererster Prinzessin kann man sehr sicher davon ausgehen, dass ein in ferner Zukunft liegendes Marketing-Mittel noch keinen Einfluss auf das Design der jungen Hauptfigur hatte. Und siehe da: Schneewittchen trägt zwar den Großteil des Films über ein vergleichsweise edles Prinzessinnenkleid, aber die Farben ihres Kleides sind bewusst schlicht und blass gewählt. Walt Disney war gerade bei seinem ersten Langfilm sehr besorgt, das Publikum nicht durch zu knallige Farben zu überfordern, und so weist der gesamte Film eine sehr erdige, ruhige Farbskala auf.
Dafür ist Schneewittchens Kleid aber alles andere als eintönig; mit blauem Oberteil, rotem Mantel und blassgelbem Rock ist sie die mit Abstand farbenfrohste unter den adligen Disney-Damen.
Die Sorge um die farbliche Überforderung des Publikums stellte sich bald als unbegründet heraus, und die Farben in den Zeichentrickfilmen wurden schnell bunter und leuchtender. Doch auch wenn Cinderella es anfangs mit einem rosa-leuchtenden Kleid versucht, so fällt ihr endgültiges Outfit farblich eher zurückhaltend aus: Ein silbernes Ballkleid bekommt sie von ihrer Fee geschenkt. Bereits hier kann man bemerken, dass mit dem edlen Silber wohl der größtmögliche Kontrast zu Schneewittchens eher kindlich-farbenfrohem Kleid geschaffen wurde.
Auch Aurora wird kurzzeitig in Rosa gekleidet, doch die eigentliche Farbe ihres Kleides bleibt doch blau. Es ist die Farbe, in der sie das Kleid trägt, in der sie verflucht und wiedererweckt wird, während sie in Rosa nur wenige Sekunden lang am Ende des Films für einen kleinen Schmunzler sorgt.

Soviel zu den alten Prinzessinnen und ihren eher zweckgebundenen Outfits. Sie tragen nicht nur verschiedenfarbige Kleider, sondern Schneewittchen, Cinderella und Aurora sind in ihrem gesamten Stil bewusst sehr unterschiedlich dargestellt – es ist offensichtlich, dass das Ziel nicht das war, sie gleichförmig in irgendeine Franchise-Reihe zu integrieren, sondern im Gegenteil ihre Film-Universen so divers wie möglich zu gestalten.

Zur Zeit der Disney-Renaissance nun wirkt die Wahl der Farben schon auf den ersten Blick sehr viel kräftiger und herausstechender als bei ihren Vorgängerinnen. Arielles gesamte Erscheinung wird dominiert durch den starken Kontrast aus Rot und Grün. Beides sind keine gewählten Modefarben, sondern Teil ihrer natürlichen Erscheinung, geeignet, Arielles Charakter auf den ersten Blick deutlich zu definieren.
Bei den Kleidern, die sie in der zweiten Hälfte des Filmes trägt, ist dagegen nicht eines, das farblich oder thematisch eine besonders herausstechende Rolle einnimmt. Im Gegenteil: Ihre zarten, vorsichtigen Prinzessinnenkleider stehen in einem starken Kontrast zu der ungezügelten Unterwasser-Persönlichkeit und unterstreichen nur, dass Arielle sich an Land ganz und gar für ihren Prinzen verkleidet.
Belle nun hat mit ihrem goldenen Ballkleid ein sehr kräftiges, einfarbiges Kleid aufzuweisen, dass ihre Assoziation zu dieser Farbe zu belegen scheint. Aber auch hier ist das goldene Kleid nicht ist „Signatur“-Outfit. Während ihrer Zeit im Schloss trägt Belle viele schöne Kleider; das goldene ist davon nur das berühmteste. Ihr „eigentliches“ Outfit ist doch das blaue Alltagskleid, das sie während aller Schlüsselszenen des Films trägt; bei ihrer Ankunft im Schloss, während der ersten vorsichtigen Annäherung zwischen ihr und dem Biest, und schließlich auch während ihres Liebesgeständnisses und der Erlösung.
In Wirklichkeit ist Jasmin die erste Disney-Prinzessin, die durchgehend durch eine starke Farbe charakterisiert ist. Das allerdings in einem Film, der stilistisch von einem übermäßigen Farbschema durchzogen ist: Rot symbolisiert durchgehend böse, Blau ist positiv konnotiert.

Soweit sah der Zustand in Disneys Prinzessinnen- (Romanzen-? Märchen-?) filmen aus. Die Farbe der Kleider spielte keine allzu große Rolle, das Outfit war hauptsächlich Charakter- und Plot-bezogen. Und dann kam der Einzug der Disney-Princess-Linie und einer lieblos-faulen Marketingstrategie. Seither werden die Protagonistinnen größtenteils auf eines von zwei Hauptmerkmalen reduziert: die Hautfarbe bzw. Ethnizität, und soweit es die in der Überzahl liegenden kaukasisch-hellhäutigen Prinzessinnen betrifft, die Kleiderfarbe.
Gerade bei den Prinzessinnen, die in Disneyland in persona getroffen werden können, ist diese Zweiteilung offensichtlich. Die Cast-Member, die Tiana, Jasmin oder Mulan darstellen, sind in ihrer Rolle eindeutig festgelegt, und bemühen sich, ihre Figuren mit Leben und Charakter zu füllen. Die anderen haben es gerade mal gelernt, verschiedene Unterschriften zu produzieren. Gerade für die klassischen Damen kann man hier in der „Darstellung“ der Figuren keinerlei Unterschied mehr feststellen, was nur zu einem gewissen Teil an der mangelhaften Charakterisierung der früheren Prinzessinnen liegt.

Aber weit gefährlicher als das ist der Einfluss, den Disneys jüngere Marketingmaxime auf die neueren Filme auszuüben droht. Tiana hat mit ihrem grünen Lilienkleid endlich die vakante grüne Stelle im Prinzessinen-Farbschema eingenommen, die bisher nur durch Ersatzprinzessin Tinker Bell ausgefüllt wurde (nun stolzes Haupt eines eigenen farbbasierten Franchises). Rapunzel dagegen wurde dazu verdonnert, den gesamten Film über das identische lila Kleidchen zu tragen, und das augenscheinlich von Kindertagen an. Von Merida, die in Puppenversion nur ihr mittelalterliches Albtraum-Kleid tragen darf, ganz zu schweigen.
Aber natürlich werden auch die älteren Prinzessinnen diesem Schema entsprechend krampfhaft umgefärbt, und das ohne allzu viel Sinn und Verstand. Statt des silbernen Ballkleides, das ja gerade dazu dienen sollte, sie farblich abzuheben, sieht man Cinderella nun nur noch butterblond in knallblauem Kleid. Da diese Farbkombination nun Auroras eigentliches Design obsolet erscheinen lässt, ist die Schlafende Schöne heute nur noch in Pink zu sehen.
Schneewittchen ist die einzige Prinzessin, bei der diese einfarbige Darstellung nicht anschlagen will. Natürlich sind ihre Farben heutzutage knalliger, ihre Augen größer und ihre Brüste – nun ja, vorhanden. Aber auch wenn sie in Disneyland traditionell durch ein knallrotes Regal vertreten wird, ist Schneewittchen doch die Einzige, die in ihrer Markenkleidung mehr als eine Farbe vertreten darf.

Und hier wird die Sache spannend: Mit ihrer zumindest ansatzweise unkonventionellen Farbschematik ist Schneewittchen die einzige Disney-Prinzessin, deren Kleid einen allgemeinen Wiedererkennungswert besitzt.
Wir waren zu Halloween auf einer Kostümparty, und eine Freundin war zu dem Anlass in dem klassischen Schneewittchen-Kleid gekommen. Die Auswahl der Gäste war definitiv nicht die, der man eine genauere Disney-Kenntnis zugetraut hätte – trotzdem wurde „Schneewittchen“ von jedermann sofort eindeutig identifiziert. Ich würde behaupten, dass das nicht die Reaktion ist, die man auf ein pinkfarbenes Dornröschen-Kleid bekommen würde.
In aller Versessenheit, sie farblich klar und eindeutig zu gestalten, entwickeln sich die Disney-Prinzessinnen in ihrer Darstellung doch immer mehr zu reinen Abziehbildern. Welches Cinderella-Kleid hätte wohl einen höheren Wiedererkennungswert, ein blaues oder ein silbernes?
Natürlich bemühen sich die Filme heute mehr denn je, die dargestellten Figuren mehrdimensional und realistisch zu gestalten, doch zur gleichen Zeit versimpelt die reine äußere Wahrnehmung zunehmend.

Zugegebenermaßen, in letzter Zeit ist in diesem Bereich ein gewisses Umdenken spürbar. Anna darf in ihrem Film nicht nur verschiedene Outfits tragen, sie zeigt vor allem keine allzu eindeutige Farbzugehörigkeit. Und Elsa trägt den Großteil des Films zwar ein klares, einfarbiges Kleid, aber zum einen ist dessen eisblaue Farbe alles andere als knallig, und zum anderen ist der Wiedererkennungswert von Elsas Kleid durchaus beachtlich.
Ich würde so weit gehen, zu behaupten, dass Elsas Kleid unter allen Prinzessinnen-Kleidern neben Schneewittchens das Einzige ist, das im allgemeinen Bewusstsein eindeutig mit der Figur verknüpfbar ist.
Diese Art, weiterzudenken und ausgetretene Pfade zumindest ansatzweise zu verlassen, ist sicher einer der Gründe, der der Eiskönigin zu ihrem überragenden Erfolg verholfen hat. Gerade im Rahmen dieser Entwicklung bin ich gespannt darauf, welche Bilder uns die nächsten Prinzessinnen noch bescheren mögen – und auf welche Weise die Disney-Marketing-Abteilung versuchen wird, sie in den etablierten Rahmen einzupressen.