Als ich mich anschickte, Disneys neustes Meisterwerk Die Eiskönigin im Kino zu sehen, war ich vollkommen unvoreingenommen. In der Tat habe ich bei einem Film selten je so wenig gewusst, was mich erwarten würde, wie hier. Sowohl auf inhaltlicher Ebene – mir war klar, dass der Film entfernt von Andersens Schneekönigin inspiriert sein würde, aber auch nicht mehr – als auch gerade was die „Rolle“ angeht, die dieser Film für Disneys heutige Entwicklung einnehmen könnte. Und nach dem Kinobesuch war meine emotionale Reaktion wohl am ehesten mit „Verwunderung“ zu umschreiben. Ich hatte nicht gewusst, was ich erwarten sollte, aber es war auf jeden Fall nicht das gewesen.

Auf der grundlegendsten Bewertungsebene gibt es positive wie negative Überraschungen. Der Film hat ein traumhaftes Setting, eine größtenteils mitreißende Handlung und ist voll wunderbarer Figuren – inklusive des Schneemann-Sidekicks, den ich wirklich erstaunlich wenig nervend fand. Dagegen gibt es gerade gegen Ende einige enttäuschend typische und flache inhaltliche Entscheidungen, die dem großen Aufbau nicht gerecht werden.
Aber sehr viel faszinierender ist für mich das große Bild: Ich wurde im Kino auf eine ganz neue Art mitgerissen, auf eine Art, die die vielen Schwächen gar nicht kaschiert, aber mir stattdessen etwas anderes geboten hat. Für mich steht fest, dieser Film ist ein wirklich großer Schritt. Ich weiß nur noch nicht genau, in welche Richtung …

Natürlich kann man versuchen, Die Eiskönigin mit den direkten Märchenvorgängern Die Froschprinzessin und Rapunzel zu vergleichen, doch meiner Meinung führt dieser Vergleich nicht weiter. Die letzten beiden Disneymärchen waren eine klare Rückbesinnung auf die letzte große Erfolgswelle Disneys, ein Versuch, an die Zeiten von Arielle, Die Schöne und das Biest und Aladdin anzuschließen. Und nicht, dass ich etwas gegen diesen Versuch hätte, im Gegenteil! Die Disney-Renaissance der 90er war eines der Glanzstücke klassischen Disney-Zaubers, und ich will nicht sagen, dass Die Eiskönigin in seiner Stilistik einen besseren Weg einschlägt. Doch es ist ein anderer Weg, eine neue Art, Musik und Film zu einem Gesamtwerk zu verbinden. Und alleine deshalb bin ich fasziniert von den Möglichkeiten, die sich mit diesem Versuch auftun.
Um es kurz deutlich zu sagen: Ja, ich rede vor allem von den Liedern und ihrer Einarbeitung in den Film, und Nein, ich rede sicherlich nicht von allen Liedern. Als ob sich die Komponisten ihres eigenen Stils nicht sicher waren, sind in den Film immer wieder rein gefällige Comedy-Nummern eingebaut, die aus der restlichen Komposition unübersehbar herausstechen.
Doch der Großteil der Lieder ist anders: Die Zusammensetzung ist ungewohnt und weit musicalartiger als man es von einem Disneyfilm, oder einem Film im Allgemeinen, gewohnt ist. Viele Stücke haben eher Rezitativ-Charakter, und sie werden anders eingeleitet, auf eine sehr viel aufdringlichere und gleichzeitig selbstverständlichere Art und Weise. Das scheint ungewohnt, noch nicht ganz ausgereift, und doch gerade deswegen interessant – wie würde dieser Stil wirken, wenn er erst zur Perfektion gelänge? Insbesondere die von Anna und Elsa gesungenen Stücke fügen sich mit dem Rest des Films schließlich zu einem Ganzen zusammen, das auf ganz neue Wege hoffen lässt.

Der Punkt ist, der ganze Film fühlt sich „groß“ an, auf eine schwer zu fassende Weise – auch wenn er diesem Anspruch dann regelmäßig nicht ganz gerecht wird.
Das beginnt schon mit der Laufzeit, denn mit knapp zwei Stunden ist Die Eiskönigin das zweitlängste Disney-Meisterwerk überhaupt, nur übertroffen von dem Episodenfilm Fantasia. Und doch ist schnell klar, dass diese Laufzeit für den Film immer noch nicht ausreicht. Der gesamte Anfang trägt eine solche emotionale und inhaltliche Last, dass er entweder in wenigen Sekunden hätte abgehandelt werden müssen (quasi die feige, einfache Prolog-Variante) oder eben seine gebührende Zeit in Anspruch nehmen sollte – doch den Rahmen derart zu sprengen wäre dann doch wohl zu viel gewesen.
Um dieses Dilemma zwischen Inhalt und Laufzeit-Ressourcen zu lösen, häufen sich gerade am Anfang die Lieder, die Zeit und Stimmung etablieren sollen. Ein wunderbarer Ansatz, wäre er nur weiter durchgezogen worden und würde nicht alleine als Notlösung fungieren. Wenn diese Art der Musikuntermalung wirklich konsequent genutzt worden wäre, so hätten wir eine wahre Animations-Oper erhalten können, ein Meisterwerk, in dem die Musik nicht nur zur Untermalung und emotionalen Verstärkung dient, sondern den Film wirklich durch und durch tragen könnte.

Und die Ansätze sind mit Sicherheit vorhanden, schon so fühlt sich Die Eiskönigin immer wieder an wie ein echtes Stück Musiktheater, statt „nur“ wie ein Film mit Liedern. Und wie um zu zeigen, wozu die vollkommene Vereinigung von Musik, Schauspiel und Animation wirklich in der Lage ist, schenkt uns der Film mit Elsas großer Ballade „Lass jetzt los“ ein absolutes Kronjuwel an filmischer Genialität:

Natürlich wird gerade hier klar, wie stark sich der Film am aktuellen Erfolgsmusical Wicked orientiert – eine Tatsache, die durch die wunderbare Synchronisation von Willemijn Verkaik sicher nicht unauffälliger wird. Doch diese Anklänge sind nie so stark, dass sie den Film, oder gar die „Lass jetzt los“-Szene, wirklich negativ beeinflussen könnten.

Ja, die zweite Hälfte des Filmes ist eher schwächer, ja, in dramaturgischer Hinsicht scheint hier immer wieder einiges nicht ganz zu passen. Je weiter der Film voranschreitet, desto klarer wird, dass sich die Schaffer in ihren Ambitionen übernommen haben. Es wird in stilistischer Weise mit zu vielen Bällen jongliert, als dass man alle wieder sicher in die Hände bekäme. Die Dramatik, die Musik, die neuartige Märchenhandlung, und gleichzeitig die Beschränkungen eines klassischen Disneyfilms, die offensichtlich „notwendig“ erscheinenden Wendungen, all das muss mühsam unter einen Hut gebracht werden.
Das Ganze artet keineswegs in eine Katastrophe aus; am Ende kommen doch alle Teile wieder irgendwie unter – nur eben nicht so elegant und perfekt, wie es Die Eiskönigin in seinen grandioseren Momenten verdient hätte.

Ich habe selten so gehofft, dass ein Film erfolgreich wird wie hier. Und das nicht alleine wegen des Filmes selbst, sondern vor allem wegen der Folgen, die ein Kassenerfolg mit sich bringen könnte: Ja, ich wäre überglücklich, wenn Disney versuchen sollte, nun in diese Richtung weiterzuarbeiten.
Und es sieht gut aus. Denn ganz offensichtlich kommt Die Eiskönigin wunderbar beim Publikum an – keine Frage, die Menschen wollen wieder große Disneymärchen sehen. Und gut möglich, dass auch noch mehr dahinter steckt. Vielleicht sieht auch so mancher wie ich das neuartige Potenzial, das sich gerade in diesem Film zu verbergen scheint.