Es sind nun anderthalb Jahre vergangen, seit Die Eiskönigin für einen Überraschungserfolg in den Kinosälen sorgte, und bislang ist kein Nachlassen in der Beliebtheit des Films zu spüren. Im Gegenteil: Diese Woche erst hat in Disneyland Paris die Bühnenshow zum Film gestartet, und ein offizielles Musical und eine Fortsetzung des Filmes sind gerade erst in Planung.
Dabei ist denke ich nach wie vor klar, der riesige, unerwartete Erfolg des Films hängt alleine an einer Szene: Lass jetzt los, das ursprünglich als starker Bösewicht-Moment geplante Lied, das zu einer noch viel stärkerer Freiheits-Ballade umgedeutet wurde.

So großartig Elsas große Nummer mit Sicherheit ist, so kann ich das Lied doch nicht hören, ohne daran zu denken, wie gerne der Text im allgemeinen Bewusstsein uminterpretiert wird. In einem anderen Artikel habe ich mich bereits darüber ausgelassen, dass Lass jetzt los bei genauerer Betrachtung immer noch ein klassisches Bösewicht-Lied darstellt. Aber auch wenn man die Szene im bestmöglichen Sinne liest, als Moment der lange ersehnten Befreiung, so zeigen sich Inhalt und Aussage des Liedes gerade im Zusammenhang des Films doch mehr als fragwürdig. Insbesondere, wenn man anfängt, Elsa mit einer anderen starken, freiheitssuchenden Eisprinzessin zu vergleichen: Elisabeth.

vlcsnap-2015-05-27-23h25m55s949In der Geschichte ihres Musicals befindet sich Elisabeth in einer Position, die sich durchaus mit der von Elsa vergleichen lässt. Widerwillig füllt sie die Rolle der Kaiserin aus, auch wenn sie die Aufmerksamkeit der Menschen, ja, selbst ihre Blicke kaum ertragen kann. Ihre Geschichte wird gezeichnet als ein lebenslanger Kampf, sich von den an sie gestellten Erwartungen freizumachen.
Schaut man sich nun Elsas Lass jetzt los in diesem Zusammenhang an, so scheint das Lied am ehesten zu der großen Powerballade von Elisabeth zu passen, Ich gehör nur mir.
frozen-disneyscreencaps.com-3946Bei diesem Lied handelt es sich ebenfalls um einen starken Befreiungsmoment; Elisabeth stellt hier ihrem Ehemann und der ganzen Welt gegenüber ihre persönlichen Grenzen fest, sie pocht auf ihre Freiheit und versucht, sich von aller übersteigerten Fremderwartung loszulösen. Wenn sie in diesem Zusammenhang singt „Willst du mich bekehren dann reiß ich mich los und flieg wie ein Vogel ins Licht“, so erinnert das nicht wenig an das große Finale von Elsas Lied: „Ich bin frei, endlich frei, was war, ist jetzt vorbei. Hier bin ich, in dem hellen Licht. Und ein Sturm zieht auf!“
vlcsnap-2015-05-30-07h29m55s795In beiden Liedern wird der Wunsch nach Befreiung gezeichnet, und damit des äußersten Glücks, das sich beide Frauen in diesem Moment vorstellen können. Und gerade in der Reprise von Ich gehör nur mir scheint dieses Ziel, ebenso wie in Lass jetzt los voll und ganz erreicht: Sowohl Elisabeth als auch Elsa sind in diesem Augenblick überzeugt, dass sie nun endlich gewonnen haben – eine Überzeugung, die ihren jeweiligen Sturz später nur umso tragischer erscheinen lässt.

Wenn es zwischen den beiden Liedern einen grundlegenden Unterschied gibt, dann den, dass Elisabeth bei aller Freiheitsliebe immer noch offen bleibt und die Welt nicht vollkommen aussperren will: „Ich warte auf Freunde und suche Geborgenheit. Ich teile die Freude ich teile die Traurigkeit.“
Elsa dagegen hat in diesem Moment bereits alle Hoffnung auf die Freundschaft und Liebe anderer Menschen abgeschrieben. Ihr Lied beginnt mit einer traurigen Akzeptanz – „Ein einsames Königreich, und ich bin die Königin.“ – und endet mit dem festem Entschluss, nie wieder einen anderen Menschen an sich heranzulassen. „Ich geh‘ nie mehr zurück, das ist Vergangenheit!“
frozen-disneyscreencaps.com-3714 Damit zeigt sich Elsa um einiges realistischer, wohin ihr einsamer Weg sie notgedrungen führen wird. Und vielleicht ist dieser vorweggenommene Gedanke der Isolation umso wichtiger, da Elsas einsamer Weg im Film nie wirklich bis zum Ende beschritten wird. Lange ehe Elsa selbst spüren kann, was ein Leben in eisiger Isolation bedeutet, wird sie von ihrer geliebten Schwester Anna aufgesucht und gegen ihren Willen ins Leben zurückgezogen. Ganz im Gegensatz zum Musical Elisabeth, wo der gesamte zweite Akt auf ebendiese langsame, schmerzhafte Selbsterkenntnis verwandt wird.

Denn wenn am Ende Elsas große Geste der Freiheit darin besteht, sich selbst in ihrem Palast zu verrammeln, dann denke ich eher an eine andere, weit depressivere Szene in Elisabeth. In der düsteren, zutiefst melancholischen Reprise von Wie du führt die alternde Kaiserin ein letztes Gespräch mit ihrem toten Vater, der seiner Tochter vorwirft, wie sie ihr Leben in einsamer „Freiheit“ vergeudet hat.

Wenn Elsa nun in triumphaler Stimmung singt „Ich lass‘ los, lass‘ jetzt los, und ich schlag die Türen zu“, so denke ich an Herzog Max, der zu Elisabeth sagt: „Du bist zynisch, du bist bitter und allein. Um dich selber einzuschließen musstest du dich nicht befrei’n.“ Wenn Elsa selbst feststellt „Die Kälte, sie ist nun ein Teil von mir“, so sind es nur wenige Jahre, die sie von Elisabeths Erkenntnis trennt: „Jetzt ist es zu spät. Jetzt bin ich aus Stein.“
Elisabeth hat sich in diesem Augenblick längst alles erkämpft, was sie haben wollte, und das Ergebnis ist, dass sie nun gar nichts mehr hat. Alle ertrotzte Freiheit ist ihr durch die Finger geronnen.

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Es ist gerade dieses Los, das Elsa bevorsteht, das sie in Lass jetzt los selbst gewählt hat. Ebenso hätte sie geendet, wenn Anna sich nicht auf die Suche nach ihr gemacht hätte, als einsame Eiskönigin, kalt und hart, mit einem vereisten Herzen – eben die Schneekönigin aus Andersens Märchen.

frozen-disneyscreencaps.com-3970 Wir müssen diese Entwicklung nicht mit ansehen. Elsa verbringt nicht einen Tag in ihrem Eispalast, ehe ihre Schwester kommt, um sie zu befreien – um sie aufzuwecken wie aus einem Zauberschlaf. Doch die Ansätze für Elsas weiteres Schicksal sind in ihrem Lied durchaus erhalten, Ansätze, die auf den ersten Blick grandios klingen, aber bei näherer Betrachtung nachdenklich machen. Was mag eine Liedzeile wie „Was hinter mir liegt ist vorbei, endlich frei!“ wirklich über den Gemütszustand der Sängerin aussagen?

Es ist wohl nicht so, dass all die Menschen, die dieses Lied lieben und wieder und wieder im Internet verbreiten, über all diese Implikationen nachgedacht haben. Aber das ist auch nicht nötig. Dass sich Lass jetzt los ohne Probleme als geradlinige Powerballade lesen lässt, ändert nichts daran, dass zur gleichen Zeit noch andere, sehr viel tiefergehende zusätzliche Bedeutungsebenen, darin verborgen liegen. Und gerade dadurch, gerade aufgrund seiner Vielschichtigkeit und seiner verborgenen Melancholie hat Lass jetzt los seine phänomenale Sonderrolle in meinem Augen mehr als verdient.