Auch wenn von den zahlreichen Gegnern von 3D-Filmen gerne ihr nahender Untergang beschworen wird, so hat sich die Technik nun nicht nur schon über mehrere Jahre in den Kinosälen gehalten, auch die Praxis, alte Filme mit einer 3D-Konvertierung zu versehen, scheint sich hartnäckig weiter durchzusetzen. Zwar haben die Kino-Vorführungen nach einigen anfänglichen Überraschungserfolgen spürbar nachgelassen, doch gerade auf dem Bluray-Markt erscheinen Stück für Stück immer mehr klassische Filme in neuem, dreidimensionalen Glanz. Und da sich der 3D-Effekt besonders für die Darstellung fremder Welten und Fantasy-Szenarien eignet, was scheint da besser geeignet als der ewige amerikanische Kult-Kinderklassiker, Der Zauberer von Oz?

Als Erstes muss gesagt werden, dass die generelle Qualität der Konvertierung sicher über jeden Zweifel erhaben ist. Der Zauberer von Oz ist für Hollywood Nummer-1-Material, und genauso wurde die Konvertierung auch angegangen. Während somit rein technisch nichts zu der 3D-Version zu sagen ist, bleibt alleine die Frage, wie gut die Technik auf künstlerischer Ebene genutzt wurde – oder genutzt werden konnte.
Trotz seines Alters ist Der Zauberer von Oz mitsamt seinen Spezialeffekten gut gealtert. Nicht nur die Effekte, gerade auch Kulissen und Kostüme wurden so aufwändig und farbenfroh gestaltet, wie es mit den neuentwickelten Techniken nur möglich war. Und es ist offensichtlich, dass der Film, hätte man die Möglichkeit dazu gehabt, auch für die 3D-Technik optimiert worden wäre. Alleine dadurch muss eine nachträgliche 3D-Konvertierung immer aufgesetzt wirken: Durch den Überschwang der restlichen Effekte wird klar, dass die vergleichsweise „brave“ Tiefenwirkung nicht beabsichtigt gewesen sein kann.

Erst dieses Jahr kam von Disney mit Die fantastische Welt von Oz ein inoffizielles Prequel des alten Klassikers heraus, und dieser moderne Oz-Film (den ich hier besprochen habe) hat 3D als ganz selbstverständliches Mittel zur Darstellung des Zauberlandes genutzt. Damit ist Der Zauberer von Oz in der unwahrscheinlichen Situation, dass er es nun ist, der sich zu beweisen hat, indem er sich dem Vergleich stellen muss – und gerade was die 3D-Technik angeht, sind es große Fußstapfen, die der neue Film zu füllen lässt
Und schon zu Beginn des alten Filmes drängt sich die Überlegung auf, inwieweit man sich bei der Konvertierung von dem Prequel hat inspirieren lassen. Statt – ganz im Sinne der ursprünglichen Idee – den Film zweidimensional beginnen zu lassen und erst mit der Ankunft in Oz Farbe und Dreidimensionalität gleichzeitig einzuführen, hat man es dem neuen Film gleichgetan und den 3D-Effekt von Anfang an eingeführt. Diese Entscheidung alleine zeigt schon, dass es sich bei dem 3D nicht um eine Erzählform handelt, sondern schlicht um ein zusätzliches Zuschauer-Feature, das eben gerade nicht auf die geniale Art genutzt wird, wie es seinerzeit mit der neuartigen Farbtechnik geschah. (Nebenbei erwähnt hat Die fantastische Welt von Oz die Technik gerade während der schwarz-weißen Anfangssequenz sehr wohl kreativ genutzt, indem man alleine durch das ungewöhnliche Bildformat für nie gesehene 3D-Effekte sorgte.)
Andererseits muss man zugeben, dass gerade der Anfang der Wirbelsturm-Szene wohl die beste Möglichkeit überhaupt darstellte, den alten Film in 3D erstrahlen zu lassen. Wie in keiner anderen Szene bieten sich hier die weite Landschaft und der nahende Wirbelsturm für eine Tiefenwirkung an – in Oz dagegen bestehen die Kulissen praktisch nur noch aus engen Studio-Sets, die dem 3D-Effekt keine Entfaltungsmöglichkeiten lassen. Es ist eine regelrechte Wohltat, wenn in der Mohnfeld-Szene oder bei einigen größeren gemalten Hintergrundbildern dem Auge ab und an überhaupt Gelegenheit gelassen wird, den Blick schweifen zu lassen.
Selbst die Flugszenen der Hexe, die sich doch für dreidimensionale Bilder wunderbar anbieten sollen, wirken leicht bemüht. Gerade das so ikonische schwarz-grüne Kostüm der Hexe ist für 3D nicht unbedingt ideal: Oft genug verschmilzt ihr Körper zu einer schwarzen Masse, vor der die grellgrünen Hände auf seltsame Weise zu schweben scheinen.

Die Konvertierung glänzt immer dann, wenn es darum geht, die bewusste „Künstlichkeit“ des Films zu unterstreichen. Gerade in den Szenen, in denen Oz durch Kulissen und Kostüme als Scheinwelt dargestellt werden, hilft die zusätzliche Dimension, diese Puppenhaftigkeit weiter hervorzuheben.
Wunderbar gelungen ist insbesondere auch das Finale, vom Aufbruch aus der Smaragdstadt bis zum großen Kampf mit der Hexe. Hier, in der düsteren Atmosphäre des Hexenschlosses sind die engen Filmsets endlich Teil der Stimmung, und es tut der Bedrohlichkeit gut, wenn eben diese Enge und Beklommenheit durch den 3D-Effekt weiter unterstrichen wird. Was vorher schon schaurig war, wirkt nun ganz direkt auf den Zuschauer ein, und man erlebt Dorothys Angst so nah und persönlich wie nie zuvor.

Insgesamt stellt sich sicher die Frage, ob der Vergleich, den ich zwischen dem alten Film und seinem Prequel ziehe, nicht mehr als ungerecht ist. Immerhin sind 74 Jahre der Spezialeffekt-Entwicklung vergangen, und bei dem Zauberer von Oz handelt es sich um den ältesten Film überhaupt, der bislang konvertiert wurde. Aber andererseits ist eine Rezension schließlich immer ein Vergleich, denn wie ließe sich Qualität denn anders beurteilen?
In diesem Falle scheint mir der Vergleich unabdingbar. Zum einen, da Die fantastische Welt von Oz sich einige Monate zuvor in der gleichen Situation befand – gerade dort musste sich der neue Film in jeder Weise (außer vielleicht der 3D-Technik) an seinem Vorbild messen lassen. Und im Falle vom Zauberer von Oz war es sicher eine sehr bewusste Entscheidung, diese 3D-Konvertierung gerade jetzt, wenige Wochen nach Erscheinen des anderen Films auf Bluray herauszubringen, und sich somit ganz natürlich auf die gleiche Stufe zu stellen.

Die fantastische Welt von Oz hat alle Möglichkeiten genutzt, die Welt des alten Films auf großartigste Weise neu zu schöpfen – eben so, wie es mit heutiger Kino-Technik ideal zu machen ist. Genau wie Der Zauberer von Oz die seinerzeit neuartigen Farbmöglichkeiten in jeder Weise herausscheinen ließ, so hat Die fantastische Welt von Oz nicht mit auffälligen 3D-Effekten gegeizt. Schaut man sich die überschwänglichen Landschaften an, so ist klar, dass sie an die Kulissen des Originals erinnern sollen – nur eben mit dem zusätzlichen Potenzial für grandiose dreidimensionale Bilder.
Gerade wenn man sich die 3D-Version des Klassikers mit diesen Möglichkeiten im Hinterkopf ansieht, ist es offensichtlich, dass man beim Zauberer von Oz nicht an eine dreidimensionale Vorführung gedacht hat. Es ist schlicht dieses Potenzial, das den farbenfrohen, aber engen Sets des Filmes völlig fehlt. Bei der Konvertierung des Filmes wurde sicherlich großartige Arbeit geleistet: Die Technik ist einwandfrei und an zusätzlicher Tiefenwirkung hätte nicht mehr aus dem Material herausgeholt werden können. Doch da sich der Film so freiwillig in eine Herausfordererposition begibt, muss man schlicht zugeben, dass er gerade in dieser Beziehung eben nicht an andere 3D-Filme heranreicht, am wenigsten an sein junges Prequel.
Was bleibt, ist ein Klassiker, der in drei Dimensionen heller glänzen darf als je zuvor.