Anders zu sein ist schätzenswert. Und es eine Menge großartiger Lieder zu diesem Thema. Viele davon gehören zu meinen absoluten Lieblingsliedern – mit so unterschiedlichen Schwerpunkten wie Mulans „Wer bin ich“, Guidos „Guido’s Song“ oder Elphabas „Frei und Schwerelos“. Am Ende kann sich fast jeder mit diesen Liedern identifizieren, denn auf die eine oder andere Weise fühlt sich ja jeder Mensch irgendwie alleine und eben anders.
Aber immer mal stoße ich dann auf ein solches Lied, das mir partout nicht gefällt. Es passt vielleicht auf den ersten Blick ins Schema – aber dennoch, irgendetwas passt da absolut nicht. Und genau solch ein Fall ist Eric Fishs Ballade „Anders sein“.

Die Aussage dieses Liedes ist einfach genug: Es ist nicht gut, als Mitläufer zu leben, wir sollten uns nicht feige der Meinung anderer anpassen, sondern mutig und stark alleine stehen können.
Ich hasse das Lied.
Was dabei mein Problem ist? Das ist nicht ganz einfach in Worte zu fassen.
Wenn man es genau betrachtet, so ruft das Lied nicht dazu auf, anders zu sein; es will nicht bewegen – nicht eigentlich. Das Lied feiert nur seine eigene Aussage, es will Leute ansprechen, die sich in dem Text wiederfinden und die sagen: „Ja genau, stimmt, so bin ich, würden nur mehr Menschen auf diese Weise leben.“
Aber das alleine ist noch nicht das Hauptproblem, denn was wäre daran schon auszusetzen? Warum sollten sich die wahrhaft Mutigen, Aufrichtigen nicht auch selbst feiern dürfen?
Mein Problem liegt darin, dass sich jeder, der diesen Text hört, selbst perfekt angesprochen fühlen wird. „Allen Winden Segel geben, Gut und Bös‘ dienstbar leben“ – wer bezieht diese Textzeilen schon auf sich selbst? Ich behaupte, dass praktisch niemand, der das Lied hört, sagen wird: „Ja, ich bin ein feiger Mitläufer – könnte ich doch nur anders sein.“
Der Text ist eben gerade ambivalent genug, um alle Zuhörer auf positive Weise anzusprechen. „Anders sein kann auch bedeuten, sich nicht jedes Mal zu häuten“, oder „Nach dem eig’nen Weg zu suchen“. Jedermann sieht sich selbst in dieser Beschreibung, jedermann feiert sich selbst und denkt, wie anders er doch ist, ganz im Gegensatz zu all diesen anderen feigen Mitläufern. Dieses Lied ist für mich der Gipfel der gelebten Heuchelei.

Man könnte nun fragen, wo hier der Unterschied zu den anderen, „guten“ Empowerment-Balladen liegt, beispielsweise zu dem neusten Disney-Hit „Lass jetzt los“? Man muss nur einen kurzen Blick ins Internet werfen, um zu sehen, dass sich die ganze Welt geradezu leidenschaftlich mit jenem Lied identifiziert.
Aber schaut man genauer hin, so erkennt man hier einen entscheidenden Unterschied: Sie alle würden sich gerne mit Elsa und ihrer langersehnten Befreiung identifizieren. Elsas Lied ist inspirierend, es weckt Sehnsüchte und gibt im besten Falle den Mut, eben gerade diesen Befreiungsakt selbst zu vollziehen.
„Anders sein“ dagegen bietet eine reine Selbstbestätigung. Durch den eben so wunderbar allgemein gehaltenen Text kommt es zu keiner Veränderung, zu keinem Gefühl des sehnenden „so wäre ich gerne“, sondern nur zu einem selbstbefriedigenden „ja, so bin ich“.
Aber nein, so sind wir nicht alle.

Es bleibt die Frage, wie ein passender Gegenentwurf aussehen würde? Ist es am Ende wirklich besser, nicht zu heucheln? Wollen wir mit Menschen leben, die offen zugeben, wie schlecht sie sind?
Meine Antwort darauf ist ein klares Ja. Wie angenehm ist es doch, wenn ein Mensch seine eigenen Schwächen erkennt, wenn er sie offen eingesteht – sich selbst gegenüber, und am besten auch anderen!
Was ich damit meine? Sehen wir uns beispielsweise Jack Sparrow an. Der Pirat ist heute bereits eine ikonische Gestalt, er hat es von einer reinen Nebenfigur zum Mittelpunkt eines riesigen Franchises geschafft. Jack ist berühmt für seine rücksichtslose Art, zu täuschen und zu manipulieren, kurz, alle anderen Figuren nach seinen eigenen Interessen auszuspielen. Und die Zuschauer lieben ihn dafür! Warum? Ja, er ist auf seine Weise absolut genial – aber das ist nicht der eigentliche Grund. Genial zu manipulieren sollte schließlich jeder halbwegs gute Bösewicht perfekt beherrschen, für die Ikone reicht das alleine nicht aus.
Der Punkt ist: Jack gibt seine eigene Ruchlosigkeit vollkommen offen zu. So hinterhältig und verlogen er auch ist, er macht niemals ein Geheimnis um sein Wesen – und, wie er selbst es sagt: „Ich bin unehrlich. Und bei einem unehrlichen Mann kannst du darauf vertrauen, dass er unehrlich ist. Ehrlich! Die Ehrlichen, vor denen musst du dich in acht nehmen.“

Aber man muss sich gar keine so außergewöhnliche oder lebensferne Figur anschauen; es reicht ein Blick auf die klassische Handlanger-Gestalt. Nehmen wir Kleinfinger, oder schlicht den Söldner Bronn aus Game of Thrones. Es sind zwei sehr unterschiedliche Figuren, die allerdings beide in ein klassisches Bösewicht bzw. Bösewichthelfer-Schema passen, und die in ihrer Charakterisierung an sich nichts allzu Besonderes bieten. Das einzig Außergewöhnliche an beiden Männern ist, wie sie zu ihrer eigenen Natur stehen. Sie beide bilden sich nicht ein, gute Menschen zu sein – und gerade das macht aus ihnen beiden faszinierende Gestalten.
Bronns Zusammenarbeit mit Tyrion ist ja gerade deswegen so fruchtbar, weil beide wirklich ehrlich zueinander sind. Tyrion weiß, was er an dem Söldner hat, und mehr noch, was nicht. Und Kleinfinger spricht sein Wesen am Ende des ersten Buches ganz deutlich aus: „Ich habe Euch gewarnt, mir nicht zu trauen, das wisst Ihr!“

Ich hoffe, dass man mich nicht falsch versteht: Ich bin nicht dafür, die Schlechtigkeit des Menschen zum eigenen Wert zu erklären. Jede wahre Tugend, sei es Loyalität, Standhaftigkeit Aufopferungsbereitschaft, all das ist zweifellos hoch zu schätzen – so es in einem Menschen denn wirklich vorhanden ist. Wenn aber nicht, wenn es sich einfach um einen gewöhnlichen, korumpierbaren Menschen handelt, so wünsche ich mir schlicht, dass wir uns unserer eigenen Schwächen bewusst bleiben.
Ich habe kein Problem damit, mit einem Klatschmaul oder einem Opportunisten umzugehen, solange wir uns gegenseitig offen ansehen können. Und ich bin unendlich dankbar, wenn ein anderer Mensch mir gegenüber wirklich aufrichtig ist – selbst wenn er dabei schlicht zu seiner eigenen Unaufrichtigkeit steht.