Eine generelle Kritik, der sich der Disney-Konzern immer wieder stellen muss, ist die, dass Disney in Filmen und Freizeitparks eine allumfassende Traumwelt erschafft – und diese Einschätzung ist sicherlich nicht zu bestreiten.
Schon der Aufbau von Disneyland selbst spricht Bände; die Aufteilung in verschiedene Länder, in Western-, Dschungel-, Märchen- und Science-Fiction-Landschaft, die sich allesamt am Eingang einer amerikanischen Kleinstadtstraße treffen, und all das ist erst die Spitze des Eisbergs. In Disneyland treffen zahllose Welten und Universen aufeinander, alles soll so echt wie möglich wirken und das Ergebnis ist eine Scheinwelt, wie sie realitätsferner nicht sein könnte. Es ist nicht schwer zu verstehen, wie sich diese Fassadenlandschaft den Ruf einer eskapistischen Fälschung erwerben konnte.
Dabei sollte natürlich klar sein, dass die Disneyparks dafür nicht der erste und schon gar nicht der einzige Fall sind; es gibt für diese Art Realitätsneuschöpfung genug historische Beispiele. Dafür muss man nicht weitergehen als zur direkten Vorlage des Disney‘schen Dornröschenschlosses: Schloss Neuschwanstein, das König Ludwig II erbauen ließ, um seine mittelalterlichen Märchenvorstellungen zu verwirklichen. Aber das für mich passendste Beispiel ist der Schwetzinger Schlossgarten.

Im 18. Jahrhundert schuf Kurfürst Carl Theodor sich in seinem Feriendomizil einen eigenen Garten zum Lustwandeln, der alles beherbergen sollte, was der Fürst sich für seine Spaziergänge wünschte. Es gibt einen englischen und einen französischen Teil, Tempel verschiedenster römischer Götter und mehrere Schlossteiche, die sich in Kanälen durch den gesamten Garten hindurchziehen; soweit noch alles ganz gewöhnlich. Doch dazu kommen Dinge wie eine orientalische Moschee, ein antikes Aquädukt, ein römisches Badhaus und das Ende der Welt höchstpersönlich – und all das in direkter Sichtweite, so dass man von den Ruinen des Merkurtempels auf direktem Weg zur Moschee flanieren kann. Damals existierte dieser Garten eigens der fürstlichen Familie und ihren Gästen, heute dient er ganz Schwetzingen und Umgebung als Freizeitziel.

Natürlich kann man in solchen Eskapaden noch sehr viel weiter zurückgehen, wie wenn in der Antike ein Römer sein neues Haus im griechischen oder ägyptischen Stil erbauen ließ. Immer schon erfüllte die Menschen die Sehnsucht nach der Fremde und der Wunsch, fremde Welten zu sich nach Hause herbeizuholen. Disneyland mag heute als plakatives Paradebeispiel dienen – gerade weil es sich nicht nur um eine fremde Welt handelt, sondern vor allem um eine selbst erschaffene Scheinwelt – aber das Prinzip ist sicherlich kein Neues. Es ist nicht ein Zeichen von amerikanischem Kapitalismus, wahrscheinlich nicht einmal von Eskapismus. Es ist die fundamentale Sehnsucht des Menschen, festzuhalten, was nicht zu halten ist – und das mit allen noch so absurden Resultaten.