Bei Asterix handelt es sich um eine geniale Comicreihe – das ist ein Fakt, der bei Comicbuch-Liebhabern und Historikern gleichermaßen als festgesetzt dastehen dürfte. Dass Asterix seine besten Tage nun lange hinter sich gelassen hat, gilt wohl leider als genauso allgemeingültige Tatsache. Seit Asterix-Autor René Goscinny seine Figur 1977 durch seinen frühzeitigen Tod im Stich lassen musste, hat sich Zeichner Albert Uderzo bemüht, das Leben der unbeugsamen Gallier im Alleingang weiterzuführen – zunehmend mit zweifelhaftem Erfolg.
Über das Leid der späteren Asterix-Bände habe ich vor zwei Jahren schon einen ausführlichen Artikel geschrieben, damals, als der erste Band unter der Feder der neuen Autoren Jean-Yves Ferri und Didier Conrad erschienen ist. Asterix bei den Pikten glänzte mit einer Durchschnittlichkeit und Langeweile, die alles bisher Gesehene in den Schatten stellte, und die absurden Story-Katastrophen der späteren Uderzo-Bände in ein geradezu charmantes Licht rücken ließ.

ASTERIX-Bd36-Cover_finalNun hat das neue Autoren-Duo nach Asterix bei den Pikten seinen zweiten Band herausgebracht: Der Papyrus des Cäsar. Und trotz meiner unbarmherzigen Meinung dem letzten Asterix-Abenteuer gegenüber, habe ich mich entschlossen, den beiden noch eine zweite Chance zu gewähren
Die Vorbedingungen für eine endgültige Beurteilung dieses Bandes standen nicht schlecht: Als einer von nur drei Asterix-Bänden, der den römischen Imperator im Titel trägt, war in diesem Band ganz selbstverständlich mit einer gewichtigen Rolle Cäsars zu rechnen. Das ist wohlgemerkt nicht nur ein gutes Zeichen; gerade in den letzten Comicbänden und Asterix-Verfilmungen haben die Auftritte Cäsars in geradezu bedrohlichem Maße zugenommen. War der Imperator in früheren Geschichten noch der düstere Gegenspieler der Gallier, der zwar selten vorkam, dann aber eine maßgebliche Rolle für die Geschichte spielte, so hat er sich in letzter Zeit gerne zum Aushilfs-Bösewicht und widerwilligem Dauer-Frenemy von Asterix und Co entwickelt.
Dass Cäsar nun ganz offiziell zum Fokus des neuen Bandes geworden ist (und seinen ersten Auftritt auf einem Asterix-Cover feiert), sollte also zumindest die Bewertung des Bandes vereinfachen. Gelingt es den neuen Autoren, diese maßgebliche Figur des Asterix-Kanons in das rechte Licht zu rücken? Schaffen sie es, das vorgegebene Potenzial richtig zu nutzen, oder soll auch dieser letzte Ausfall in der Belanglosigkeit verpuffen?

Um es kurz zu machen: Der Papyrus des Cäsar ist ein voller Erfolg!
Von der ersten Seite an wird der Leser gefesselt, durch ebenjene Mischung aus historischen Anspielungen, klugem Witz und moderner Satire, die der geplagte Asterix-Leser nun so lange hat entbehren müssen. Alleine auf dieser Seite habe ich selbst dreimal laut auflachen müssen, und bei dem nächsten Leser, dem ich den Comic in die Hand gab, habe ich vier Pruster gezählt – und dabei haben wir das Dorf der Gallier noch nicht einmal erreicht. Gerade die anfängliche Fokussierung auf Cäsar bietet den Autoren wie erwartet jede Möglichkeit, sich zu beweisen oder fehlzuschlagen – und sie meistern diese Aufgabe mit Erfolg.
Doch damit erschöpfen sich die Vorzüge des Bandes nicht. Vielmehr zeigt sich schnell, dass sich die Autoren nicht damit begnügen, eine simple Abenteuergeschichte zu schreiben, sondern stattdessen eine Anzahl höchst aktueller, tagespolitischer Themen anzureißen – allen voran den Whistleblower-Skandal um Edward Snowden.
asterix-obelix-gmbh-co-kg-072455101Wenn nun mancher Leser genervt die Augen verdreht, womöglich immer noch schockiert durch den beeindruckend plakativen Versuch Uderzos, mit seinem letzten Band Gallien in Gefahr ein „politisches Statement“ zu setzen, so will ich nun auf die Guten Alten Zeiten verweisen. Bände wie Tour de France und Obelix GmbH und Co. KG sind hochpolitisch und strotzen von aktuellen karikaturistischen Abspielungen. Dass der eine stoppelbärtige Gallier des neuen Bandes in seinen Zügen entfernt an Snowden erinnert, ist dagegen geradezu subtil zu nennen.

Natürlich könnte man sagen, dass manche der Anspielungen wie etwa die ständige Verwendung von Tauben zur Kurznachrichten-Versendung mit der Zeit auf die Nerven gehen. Insgesamt will ich auch gar nicht behaupten, mit Der Papyrus des Cäsar sei den Autoren ein perfektes Meisterwerk gelungen. Gerade im letzten Drittel wird das Hin und Her von Galliern und Legionären zunehmend etwas ermüdend, das Timing ist generell nicht perfekt zu nennen und mich persönlich hat der etwas altbackene Stil der Ortbeschreibungen („Später …“, „Im selben Moment …“) teilweise aus dem Lesefluss herausgerissen.
Doch all das sind Kleinigkeiten, die an Haarspalterei grenzen. Die Geschichte des neuen Bandes ist spannend und interessant; die Figuren sind wunderbar getroffen, Asterix und Obelix zeigen ein großartiges Zusammenspiel, dass an alte Glanzzeiten erinnert, und doch neue Facetten zu zeigen weiß. Dieser Band ist vielleicht keines der Glanzlichter, die sich in einer Reihe mit Asterix als Legionär und Asterix und Kleopatra einreihen können, doch dem Qualitätsanspruch der Glorienzeit von Goscinny und Uderzo wird er doch voll und ganz gerecht.

asterix-im-land-der-goetterNatürlich, es wäre grandios gewesen, wenn dies das erste Vorzeigewerk des neuen Autoren-Duos gewesen wäre – nicht zuletzt wegen einer wunderschönen Hommage, die den alten Asterix-Erschaffern in diesem Band gesetzt wird. Aber auf der anderen Seite ist es wohl etwas viel verlangt, nach der Staffelstab-Übergabe auf den ersten Versuch ein Meisterwerk zu erwarten. Und mich persönlich haben Ferri und Conrad mit diesem zweiten, höchst erfolgreichen Versuch mehr als ausgesöhnt.
Nach der letzten, absolut überzeugenden Verfilmung Asterix im Land der Götter ist nun also auch im Comicbuch-Bereich wieder schönste Ordnung eingekehrt im Dorf der unbeugsamen Gallier. Und ich bleibe gespannt darauf, was uns Asterix und seine Freunde in den nächsten Jahren noch an Abenteuern bescheren werden.