Anstelle eines Sommerlochs hier nun einige ältere Artikel: Diese Vergleichsreihe zwischen dem Original-Disneyland in Anaheim und Disneyland Paris erschien 2011 auf sdb-film.de, der Seite meines geschätzten Freundes und Blogger-Kollegen Sidney Schering.

Als Pirates of the Caribbean 1967 seine Pforten öffnete, bot die völlig neuartige Wasserbahn ihren Besuchern ein Erlebnis, wie man es noch nicht gesehen hatte: Neben aufwändigen Kulissen und zwei „Wasserfällen“, die die Gäste in ihren Booten durchfahren, tummeln sich hier insgesamt 128 Audio-Animatronic-Figuren, die in großem Maßstab die Piraten-Welt des achtzehnten Jahrhunderts wiederauferstehen lassen.

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Paris

Pirates of the Caribbean ist heute eines der beliebtesten Wahrzeichen der Disney-Freizeitparks und durfte somit auch in Paris vom ersten Tag an nicht fehlen. Die prinzipiellen Unterscheidungen der Bahnen beschränken sich dabei vor allem auf geringfügigere Veränderungen in Reihenfolge und Aufbau der verschiedenen Szenerien, wobei Paris wohl generell als besser und dramaturgisch durchdachter betrachtet wird.

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Paris

Die Änderungen sind zum Großteil durch den anderen Standort gegeben, der der Pariser Version parkinternen ein ganz anderes Umfeld verschafft. Hier ist die Bahn im Adventureland mitten im Dschungel gelegen, direkt neben dem Schädelfelsen und Käpt‘n Hooks Jolly Roger – man befindet sich also von Anfang an in der klassischen Piraten-Vergangenheit. In Anaheim liegen die Piraten auf dem New Orleans Square; zwar auch in einer romantisierten Vergangenheit, aber eindeutig in eine spätere Zeit verlegt. Folglich sieht man in der Anaheimer Bahn erst die schaurigen Überreste der früheren Piraten, ehe man durch einen Wasserfall „weiter in die Vergangenheit“ gelangt, in die Hoch-Zeit der karibischen Bukanier.
In Paris befindet man sich dagegen schon zu Beginn der Bahn in dieser Zeit und fährt somit erst an den höchst aktiven Piraten vorbei, ehe man deren ruhelose Geister gegen Ende der Fahrt erlebt. Diese Aufteilung ist nicht nur chronologisch sinnvoller, sondern bietet auch mehr emotionalen Raum und eine bessere Vorbereitung gerade für die finalen Szenen der Skelette. Außerdem hat die Pariser Bahn wohl eindeutig den besten Höhepunkt zu bieten: die Landung direkt nach dem großen Wasserfall mitten in das Getümmel der Hafenschlacht.

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Anaheim

Doch der größte und eindrucksvollste Unterschied zwischen den Bahnen ist heute natürlich ein anderer: Nach dem atemberaubenden Erfolg der Attraktionsverfilmung Fluch der Karibik wurden in Anaheim 2006 einige klassische Figuren der Bahn durch aktuelle Filmpersonen ersetzt und auch zur musikalischen Untermalung wurde der Soundtrack des Films hinzugefügt. Während Barbossa nun den Platz auf dem großen Piratenschiff eingenommen hat, versteckt sich Käpt‘n Jack Sparrow anfangs an zwei Stellen in Bahn, ehe er gegen Ende offen auf seinem Piratengold sitzt und leicht angetrunken „A Pirate‘s Life For Me“ singt. Im Gegensatz dazu haben es die Fluch-der-Karibik-Filme in Paris neben Jacks herumlaufender Figur nur zu einigen Bildern in einem abgelegenen Geschäft gebracht.

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Paris

Die Frage, wie diese Zugaben der klassischen und heißgeliebten Bahn zu bewerten sind, ist nicht einfach – das zeigen nicht zuletzt die erbitterten Streitereien, die sich in entsprechenden Internet-Foren zu diesem Thema entwickeln.
Insgesamt ist die Vorstellung, die Fluch-der-Karibik-Welt der Filme wieder auf ihren Ursprung zurückzuprojizieren natürlich faszinierend. Die Filme sind einer derartigen Behandlung sicher würdig und die Idee ist vom Prinzip her nicht schlecht, aber bei ehrlicher Betrachtung muss man zugeben, dass sich die neuen Veränderungen vom Stil her generell nicht reibungsfrei einfügen.

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Anaheim

Zum einen liegt das Problem an den Figuren selbst: Johnny Depps Audio-Animatronic-Konterfei wurde wirklich lebensecht getroffen – und steht damit im völligen Gegensatz zu Marc Davis‘ übersteigerten Original-Kreationen. Zum anderen wird der Attraktion so zumindest ansatzweise eine durchgehende Geschichte verpasst, die die fröhliche Piratenbahn an sich einfach nicht nötig hat. Und nicht zuletzt führen die Einschübe zu einer Veränderung der gesamten Aura, die der Bahn eher einen gewissen Hollywood-Charakter verleiht. Zugegebenermaßen ein Charakter, der in unser „fantastischeres“ Adventureland besser passen würde als auf den eher realistischen New Orleans Square.

Aber wie schon im Falle von It‘s a Small World bin ich hier eigentlich zufrieden mit dem Status quo, sprich der Möglichkeit, neben der Anaheimer Film-Version in Paris die „beste“, originale Bahn zu erleben – umso mehr, als Paris der einzige Ort ist, an dem die Piraten noch ungestört ihr Unwesen treiben können. Aber schaut man sich die zukünftigen Pläne und die immer wieder durchsickernden Gerüchte für den europäischen Park an, lässt sich das Update auch hier auf Dauer wohl nicht vermeiden. Und wenn man sich damit schon abfinden muss, dann bietet die Pariser Bahn neben den Szenen, die Anaheim verändert wurden, natürlich noch eine ideale zusätzliche Option: Die beiden kämpfenden Figuren, Einzelstücke unserer Version, sehen schon jetzt bei flüchtiger Betrachtung aus wie Käpt‘n Jack Sparrow und Will Turner, die von Elizabeth beim Gefecht beobachtet werden. Ich denke, es besteht kein Zweifel, dass diese zufällige Ähnlichkeit im Falle einer Veränderung der Bahn offiziell gemacht würde.

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Paris

Welche Version der Piraten nun die bessere ist, das ist für mich keine Frage. Die Pariser Bahn ist perfekt, genau so wie sie ist, und ich werde sie genießen, solange es noch möglich ist.
Nur bei der ganz subjektiven Einschätzung, was mir persönlich lieber ist, da verrät mich mein schwaches Fan-Herz. Neue Spezialeffekte? Jack Sparrow, der persönlich die Piratenhymne singt? Und vor allem – mein liebster Ort im Park, die große Fahrt mitten ins Kampfgetümmel, unterlegt mit der großartigen Filmmusik? Hach ja, ich könnte mich wohl damit abfinden …