Anstelle eines Sommerlochs hier nun einige ältere Artikel: Diese Vergleichsreihe zwischen dem Original-Disneyland in Anaheim und Disneyland Paris erschien 2011 auf sdb-film.de, der Seite meines geschätzten Freundes und Blogger-Kollegen Sidney Schering.

Dieses Mal stehen nicht zwei, sondern gleich drei verschiedene Disneyland-Attraktionen zum Vergleich an – drei Attraktionen, die sich in Aufbau und Fahrerlebnis so sehr unterscheiden, dass mit ihnen quasi alle Fahrttypen abgedeckt sein sollten.
Neben dem Namen der Hauptfigur ihres jeweiligen Filmes haben diese Bahnen gemein, dass die in dem ambitionierten Versuch geschaffen wurden, den Besuchern ein überzeugendes Gefühl einer echten Unterwasserwelt zu bieten, auch wenn für diesen Zweck unterschiedlichste Mittel verwendet werden.

DCIM100MEDIA

Anaheim

Die erste Inkarnation dieser Idee war die Submarine Voyage, die in Disneyland bereits 1959 im Rahmen eines größeren Erweiterungsprogrammes zum Fantasyland hinzugefügt wurde. Dazu wurde eine aufwendige Lagune ausgehoben, durch die die Zuschauer in knapp unter der Wasseroberfläche gleitenden U-Booten fahren konnten und die Wunder des Meeres bestaunten. Diese Bahn, die bis 1998 in Betrieb war, war hauptsächlich realistisch angelegt und kam mit nur marginalen fantastischen Elementen aus.
1971 wurde eine Schwesternattraktion für Walt Disney World entworfen, doch statt der generischen grauen U-Boote war es nun die Nautilus aus dem Film „20.000 Meilen unter dem Meer“, die die Gäste durch Kapitän Nemos Reich und vorbei an dem berüchtigten Kraken führte. Diese Bahn galt während ihrer Laufzeit als absolute Kultattraktion und lockte die Besucher in Scharen an, doch durch den aufwendigen Unterwasserbetrieb war die Instandhaltung des Ganzen ein wahrer Alptraum, und so brachten die Verwantwortlichen Michael Eisner 1994 mittels eines kaputten U-Bootes und einiger Tricks dazu, das Fahrgeschäft als unhaltbar einzuschätzen und bis auf weiteres zu schließen (seither wurde die Lagune für die neue Arielle-Bahn umgebaut).

IMG_6905

Paris

Neben diesen beiden hochambitionierten historischen Bahnen hat Disneyland Paris eher die Armenversion einer U-Boot-Attraktion erhalten: 1994 öffnete dort Les Mystères du Nautilus, ein Aufbau der Nautilus, den man in Anlehnung an die Disneyland-Ausstellung aus den 50er Jahren zu Fuß erkunden kann. Die Nautilus selbst, die in einem kleinen See schwimmt, sieht von außen wunderbar aus und fügt sich perfekt in das Steampunk-Thema der alten Discoveryland-Kulissen ein, auch wenn man bei genauerer Betrachtung erkennen kann, dass es sich bei dem Boot – anders als seinerzeit in Walt Disney World – um eine reine Attrappe handelt.

IMG_6971

Paris

Die Bahn wird durch den naheliegenden Leuchtturm betreten, in dem eine Wendeltreppe dafür sorgen soll, dass die Besucher nicht merken, in welcher Richtung die Attraktion nun wirklich liegt. Dann führt der Weg durch einige Räume der Nautilus wie der Schatzkammer und Nemos Räumlichkeiten, die originalgetreu aus dem Film reproduziert sind.
Die Hauptattraktion des Ganzen liegt in dem großen Saal, in dem man Nemos Orgel bestaunen kann und durch ein riesiges Aussichtsfenster mit Ausblick auf die See den Angriff des Kraken direkt miterlebt. Diese Szenerie war früher noch um einiges aufwändiger und beinhaltete Orgelmusik und einen „richtigen“ Krakenangriff statt des unheimlichen Standbildes, doch sie wurde aus technischen Gründen relativ schnell auf ihren jetzigen Zustand gekürzt.
Gerade diese Kürzung ist ein Jammer, denn man kann der Attraktion anmerken, für wie viel mehr das Potential hätte reichen können. Die Idee, die Nautilus auf eigene Faust erkunden zu können, ist nicht schlecht und man spürt die Mühe, die auf die detailgetreue Ausführung verwandt wurde, doch am Ende bleibt von dem Besuch bei Nemo nicht viel mehr als das Gefühl einer betulichen Kuriosität.

DCIM100MEDIA

Anaheim

Während die aufwändigeren Nautilus-Nachbauten der U-Boot-Fahrt in Orlando mittlerweile bis auf einzelne Ausnahmen völlig verschrottet wurden, gelang der Anaheimer Bahn 2007 ein glorioses Comeback. Nachdem erste Pläne, die Bahn als Atlantis-Attraktion wiederzubeleben, an dem finanziellen Fiasko dieses Film scheiterten, sorgte schließlich der Pixar-Erfolg „Findet Nemo“ für ein mehr als passendes Setting, um die fast ein Jahrzehnt lang vernachlässigte Unterwasser-Kulisse in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

DCIM100MEDIA

Anaheim

Die Finding Nemo Submarine Voyage trägt ihre Besucher nun in neu herausgeputzten U-Booten durch die Welt der australischen Riffe, die man durch die Fenster der Boote zum Greifen nah vor sich liegen sieht. Zu Beginn führt die Fahrt durch offenes Gewässer, vorbei an verschiedenen überzeugenden Szenerien und einigen bekannten Gesichtern, ehe man in eine unterirdische Höhlenwelt buchstäblich eintauchen kann. Dass diese Welt wirklich „echt“ ist und sich die Zuschauer unter dem Wasserspiegel befinden ist ein Bonus, dessen Wirkung nicht genug betont werden kann. Die ganze Fahrt fühlt sich so real an, dass mit der Zeit ein beinahe ätherisches Gefühl geschaffen wird und solange man nicht zu weit nach oben schaut, hindert nichts die Illusion, man befände sich viele Klafter tief unter dem Meeresspiegel. Dazu scheut sich die Bahn nicht, dieses einmalige Terrain mit aller nötigen Ruhe zu erkunden und lässt den Gästen Zeit, sich wirklich voll und ganz auf die feuchte Reise einzulassen.
Spätestens im zweiten Teil, wenn sich das Boot durch dunkle Unterwasserhöhlen bewegt und auch gruselige Schreckeffekte nicht fehlen, wird dieses Einlassen dann mit einem der intensivsten Bahnerlebnisse belohnt, die ich je erlebt habe.

DCIM100MEDIA

Anaheim

Auch wenn die meisten Effekte durch „reale“ Audioanimatronic-Figuren geschaffen werden, arbeitet die Bahn vor allem im Dunkeln viel mit Projektionen der bekannten Fische, die sich somit quasi fotorealistisch an den Bullaugen vorbeibewegen können. Das ist vor allem für Kinder schön, die ihre Freunde nun „live“ betrachten können, ansonsten fügt es sich meiner Meinung nur suboptimal in die restliche so reale Bahn ein. Es ist klar, dass es sich bei den Filmen um genau das handelt – Filme – und so sind diese Szenen für mich weit entfernt von spektakulärem Gefühl der ansonsten so echten Unterwasserwelt. Es sind Effekte, die eher in eine buntere, actionbehaftetere Bahn passen würden als in die langsam aufgebaute und beeindruckende Fahrt durch das Meer.
Mit anderen Worten: Effekte, die in der 2007 in Paris zeitgleich eröffneten Bahn Crush‘s Coaster perfekt eingesetzt sind.

DSC02289

Paris

Diese Bahn, die bislang in den Disney-Parks einmalig ist (und in Paris bis heute einmalig in ihrem anhaltenden Besucherandrang) bietet eine ungewöhnliche, doch insgesamt passende Mischung aus Themenfahrt mit Grusel-Elementen und Achterbahn.

DCIM100MEDIA

Paris

Die Besucher werden in einem wunderbar passend aufgebauten Hafengelände empfangen und fahren dann in ihren Wagen durch verschiedene Szenerien des Films; von den schon erwähnten Projektionen mit Nemo und Crush Jr. zu echt aufgebauten – wenn auch trockenen – Tiefsee-Welten. Dabei sorgen Elemente wie die Quallen und der Anglerfisch von vornherein für eine unheimliche Stimmung, die dann in der Fahrt durch das Schiffswrack und dem Treffen mit Bruce voll ausgenutzt wird.
Eine Explosion befördert die Gäste in den ostaustralischen Strom, der sich als wilde Achterbahnfahrt entpuppt. Die Fahrt-Vehikel sind drehbar und jeweils nur für vier Personen ausgelegt – der Hauptgrund für die lange Wartezeit, der aber für ein einmaliges Fahrerlebnis sorgt. Die frei drehende Gefährte, verbunden mit einer schwebend-schwankenden Fahrtstrecke und grünblauen Meeresprojektionen sorgen für eine beeindruckende Unterwasserstimmung, die die Gäste nach einer viel zu kurzen Fahrtzeit doch überwältigt wieder hinaus ins Freie entlässt.

Damit haben wir drei Bahnen, die in ihrer Art, der Ausrichtung und den Stilmitteln auf vollkommen verschiedene Weise dasselbe Ziel verfolgen: Den Zuschauer in die Wunderwelt des Meeres zu entführen.

IMG_6908

Paris

Wenn die Nautilus auch sicher nicht beste der drei Attraktionen ist, so stellt sie doch ein beeindruckendes Relikt und einen würdigen Tribut an den Film dar – außerdem erfüllt das U-Boot seinen Zweck als grandiose Deko voll und ganz.
Zwischen den beiden „Findet Nemo“-inspirierten Bahnen zu entscheiden scheint mir unmöglich, zu unterschiedlich sind sie dafür in ihrem Fahrerlebnis. Während Anaheim eine mystische Stimmung und das allzu reale U-Boot-Erlebnis einer echten Unterwasserwelt bietet, findet man in Paris eine tolle Achterbahn, die dem Flair des Films entsprechend Spaß, Nervenkitzel und Abenteuer wunderbar zu vereinen mag.