Anstelle eines Sommerlochs hier nun einige ältere Artikel: Diese Vergleichsreihe zwischen dem Original-Disneyland in Anaheim und Disneyland Paris erschien 2011 auf sdb-film.de, der Seite meines geschätzten Freundes und Blogger-Kollegen Sidney Schering.

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Anaheim

Disneylands Geisterhaus, das Haunted Mansion, ist sicher eine der ikonischsten und beliebtesten Attraktionen aller Parks, eine Tatsache, die schon an sich jede nähere Betrachtung erschwert wie interessant macht. Doch dadurch, dass diese Bahn für Paris zwar erhalten, aber gleichzeitig rundum ummodelliert wurde, wird der Vergleich zwischen dem Haunted Mansion und seiner europäischen Version, dem Phantom Manor, zu einem absoluten Spezialfall, der einen ausführlichen Artikel verlangt.

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Anaheim

Auch wenn zur Eröffnungszeit von Disneyland der Platz der Geisterbahn vor allem von der damals noch gruseligeren Snow-White-Bahn eingenommen wurde, war doch eine heruntergekommene Geistervilla schon Teil der allerersten Rohpläne für den Park. Die Attraktion durchlebte noch nach Fertigstellung des eigentlichen Gebäudes eine Arbeitszeit von sechs Jahren, während derer verschiedenste Konzepte in Betracht gezogen und verworfen wurden. Schließlich überlebte das Projekt Walt Disney selbst und die Künstler mussten in eigener Verantwortung das endgültige Resultat entwickeln – eine Entwicklung, die man der Bahn deutlich anmerken kann. Die unterschiedlichen Einstellungen von Mark Davis, der eine fröhliche Geisterwelt entwerfen wollte, und Claude Coats, dem eher eine düstere Gruselstimmung vorschwebte, führten dazu, dass die ganze Fahrt deutlich in zwei Teile geteilt ist. Natürlich stellt gerade dieses Ergebnis, das Davis als einen klassischen Fall von „zu vielen Köchen“ bezeichnete, heute für die meisten den einzigartigen Charme der Bahn dar.

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Anaheim

Obwohl in der ganzen Attraktion doch ein eindeutig spürbares Grundkonzept vorhanden ist, das sie bis heute von den meisten auch elaborierteren Geisterbahnen abhebt, bietet die Fahrt durch Disneys Geisterhaus anders als die meisten Disneyland-Bahnen dem Besucher bewusst keine eindeutige Geschichte. Sie besteht vielmehr aus einer Ansammlung von fliegenden Eindrücken und Stimmungen, die der Zuschauer in sekundenschnelle aufnehmen kann und die somit ohne spürbaren Aufwand eine allumfassende Grusel-Stimmung erschaffen.
Natürlich sind trotzdem – oder gerade deswegen – viele verschiedene Hintergrundgeschichten zu der alten New Orleaner Villa in Umlauf. Übergreifend steht das Konzept des Rückzugshauses für Geister aus der ganzen Welt, und praktisch jeder Cast-Member, der etwas auf sich hält, steuert das ein oder andere eigene Detail zu dem Haus hinzu, um die Hintergründe des erhängten Gastgebers, der Geisterbraut oder auch des auffälligen Wetterhahn-Schiffes zu erleuchten. Speziell die Braut ist eine Figur, die, obwohl nur in einer Szene, seit jeher für Überlegungen und Spekulationen gesorgt hat – nicht zuletzt, weil sie mit Abstand am häufigsten ihre Erscheinung und wohl auch Absicht gewechselt hat. Die jetzige Version, die unter dem Namen Constance bekannt ist, verfügt als erste über eine mehr oder weniger eindeutige Geschichte, die sie als männermordende Schwarze Witwe darstellt.

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Paris

Im Gegensatz zu Orlando und Tokio, wo das Haunted Mansion beinahe eins zu eins reproduziert wurde, hat man sich in Paris für ein vollkommen anderes Konzept entschieden: eine „neue“ Attraktion namens Phantom Manor.
Die beiden Bahnen haben eine große Familienähnlichkeit, die sich schon in der quasi identischen Schienenführung abzeichnet, die größtenteils durch dieselben Szenerien führt, doch gleichzeitig könnte ihr Charakter kaum unterschiedlicher sein. Man meinte, das Fahrerlebnis für die hiesigen Gewohnheiten anpassen zu müssen, und so verwandelten die Imagineers das fröhliche Spuk-Fest in ein wirkliches Grusel-Erlebnis, das stark an die Tradition von europäischen Gothik-Horror-Geschichten wie dem Phantom der Oper angelehnt ist.

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Paris

Auch wenn auch hier die Hintergrundgeschichte nicht ganz eindeutig festgelegt ist, ist das Prinzip für den Zuschauer klar genug: Die gesamte Fahrt ist ausgerichtet auf das tragische Schicksal der Braut, die als Melanie Ravenswood, die Tochter des Minenbesitzers von Thunder Mesa identifiziert werden kann. Kurz vor ihrer Hochzeit wurde ihr Verlobter von einem rätselhaften Phantom im höchsten Turm des Hauses erhängt, und seit diesem Tag wartet Melanie einsam auf ihren Geliebten, während um sie herum das Haus verkommt, die ganze Stadt zu einer Geisterstadt wird und das Phantom nicht aufhört, sie heimzusuchen. Was in den verschiedenen Versionen wechselt, ist vor allem die Herkunft des Phantoms – ob nun missgünstiger Vater, eifersüchtiger Liebhaber oder böser Spuk -, doch auch ohne etwas über die „offizielle“ Version der Geschichte zu wissen wird das die ganze Bahn durchdringende Thema von Sehnsucht und Vergänglichkeit deutlich genug. Dieser bewusst abgehobene Stil fängt schon mit dem Äußeren des Gebäudes an, das statt eines edlen New Orleaner Anwesens ein echtes Geisterhaus im Stil von Norman Bates‘ Villa am äußersten Ende des Parkes darstellt.

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Paris

Im Inneren der Bahn sind alle ikonischen Szenen auf die ein oder andere Weise vorhanden, doch wurden der Großteil stilistisch verändert und mit dem Geist der neuen Geschichte angefüllt. Schon die Anfangsbilder im sich dehnenden Turm sind nicht mehr lustig-makabere Darstellungen verschiedener dem Tode geweihter Unglücksraben, sondern zeigen alle auf düstere Weise Melanies drohendes Schicksal.
Der erste Teil der Bahn, der auch in der Anaheimer Version hauptsächlich von seiner dunklen Stimmung lebt, ist bis auf Melanies Figur praktisch unverändert, und auch der Seance-Raum mit Madame Leota gleicht dem Original. Doch ab der großen Ballsaal-Szene, bei der im Haunted Mansion der übermütige Teil der Geisterparty beginnt, wird der Unterschied zwischen den Bahnen nur zu deutlich: Im Phantom Manor ist es keine Geburtstags- (oder Todestags-) Feier, zu der die Geister erscheinen, sondern die nicht stattgefundene Hochzeit, die von dem klagenden Gesang der Braut und der düsteren Anwesenheit des Phantoms auf verstörende Weise begleitet wird.
Auch der Speicher bietet hier keinen makaberen Grund zum Lachen mehr, sondern ist von tiefster Melancholie durchdrungen. Doch der größte Unterschied beginnt mit dem Verlassen des Gebäudes und der Fahrt über den nächtlichen Friedhof: Während im Haunted Mansion das fidele Zusammentreffen der bläulich schimmernden Geistergestalten so fröhlich dargestellt wird, dass man am liebsten freiwillig mitmachen würde, wird der Besucher im Phantom Manor auf unliebsame Weise selbst ins Grab gestoßen. Dort führt der Weg zuerst an einigen schauerlichen Skeletten vorbei, die dabei sind, sich aus ihren Gräbern zu erheben, ehe sich eine Geisterversion der Westernstadt Thunder Mesa öffnet, in der die verstorbenen Versionen der Bewohner dabei sind, ihren Alltag in Ewigkeit fortzuführen.

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Paris

Man könnte es als Ironie bezeichnen, dass im Plot-orientierten Phantom Manor wegen der europäischen Vielsprachigkeit auf die Einspielungen im Wagen selbst verzichtet wurde, doch sieht man sich das Ergebnis an, macht diese Entscheidung Sinn. Im Gegensatz zu seinem älteren Gegenstück wird im Phantom Manor nicht mit locker-makaberen Sprüchen gearbeitet, sondern mit einer sorgfältig aufgebauten Grundstimmung, die durch begleitende Erläuterungen nur verlieren könnte. Das spiegelt sich vor allem auch im Soundtrack wider: Statt der Orgel- und Bandbegleitung des Haunted Mansion, die für eine „realistische“ Hintergrundmusik sorgen, ist das Phantom Manor mit einem grandiosen Hollywood-Soundtrack unterlegt, wie es sich für ein derart präsentiertes Horror-Drama gehört.

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Anaheim

Bei der Frage, welches der beiden Geisterhäuser zu bevorzugen ist, tue ich mich extrem schwer. So ähnlich die Bahnen sind, so unfair ist doch jede Art des direkten Vergleiches: Es ist, als würde man den Besuch in einem echten (wenn auch skurrilen) Spukhaus mit dem Anschauen eines großartigen Kinofilms vergleichen.
Ob der Besucher nun die fröhlichen Geister aus Anaheim oder die verlorenen Seelen aus Paris bevorzugt, ist am Ende eindeutig Geschmacksfrage. Das Haunted Mansion bietet mehr von einem Wechselbad der Gefühle; die Stimmung geht über von unheimlich zu überraschend zu verstörend-makaber und schließlich zu einer fröhlichen Gruselparty. Im Phantom Manor ist eine einnzelne Grundstimmung konsequent durchgezogen und die Betonung auf die Geschichte gelegt, dafür geht aber etwas an Unwillkürlichkeit und Überraschung verloren.
Ich persönlich kann mich wirklich nicht für einen Favoriten entscheiden, dafür ist das Fahrerlebnis insgesamt einfach zu anders. Stattdessen bin ich aufrichtig dankbar, dass beide Versionen existieren und dass ich (wenn auch mit unterschiedlichem Aufwand) die Möglichkeit habe, beiden Geisterhäusern hin und wieder einen Besuch abzustatten.

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Anaheim

Hier noch ein aktuelles Update von 2015:
Diese Woche erst hatte ich Gelegenheit, dem Anaheimer Haunted Mansion einen erneuten Besuch abzustatten, und dabei ein historisches Ereignis mitzuerleben: Der Hatbox-Ghost ist zurück!

5 HBG Paul Clemens DB.com shot_zpsmax9fnl7Die Geschichte dieses stark mystifizierten Bewohners des Haunted Mansion reicht zurück bis 1969, zu der Eröffnungszeit der Geisterbahn. Damals stellte der unheimliche Geselle, dessen Kopf abwechselnd auf seinen Schultern und in der Hutschachtel in seiner Hand auftauchte, den makaberen Höhepunkt der Speicherszene dar – noch nach der Braut, als dessen grausiger Bräutigam er oft identifiziert wurde.
Leider haben es Disneys Effekt-Künstler in den ersten Wochen der Bahn nicht geschafft, die Illusion des Geistes wirklich überzeugend aussehen zu lassen. Gerade das „Verschwinden“ des echten Kopfes funktionierte in dem vergleichsweise hell ausgeleuchteten Speicherraum wohl nicht wirklich gut, auch wenn Tag für Tag verschiedene Lösungen für das Problem ausgetestet wurden. Nach einigen Wochen des Herumprobierens musste der Hutschachtel-Geist daher wieder aus der Bahn entfernt werden, und der Geist der Braut kam an seinen exponierten Platz am Ausgang des Speichers.
Lange Jahre hinweg war dieses spezielle Detail über die Anfangstage des Haunted Mansion beinahe in Vergessenheit geraten, doch der Einzug des Internets und der damit einhergehende Informationszugang verhalf dem Hatbox-Ghost zu neuer Popularität. Er wurde von einer reinen Anekdote zu einer allgemein geforderten Figur, zum 40sten Jubiläum der Bahn war er einer der Hauptfiguren sämtlicher Merchandise-Artikel, und in der nun schon seit längerem angekündigten neuen Haunted-Mansion-Verfilmung soll er gar die Hauptrolle einnehmen.
Und nun, zum 60sten Geburtstag des Parks, ist der Geist endlich wieder in die Bahn eingezogen – mit funktionierendem Effekt, und schauriger als je zuvor.

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Ich persönlich muss zugeben, dass ich ein etwas „klassischeres“ Feeling des Geistes vielleicht bevorzugt hätte; der Einsatz von CGI ist bei dieser Figur doch klar ersichtlich und grenzt ihn ein wenig gegen die Friedhofsgeister der nächsten Szene ab. Aber ich muss zugeben, dass nichts an dieser Figur Gimmick-haft erscheint: Der Geist ist – gerade in seiner subtilen Gesichtsbewegung – wirklich grausig gut, der Effekt funktioniert perfekt, und alles in allem hätte man sich seine Rückkehr kaum überzeugender vorstellen können.
Was mich angeht, kann der neue del-Toro-Film nun definitiv kommen!

Ein ausführlicher Überblick über die Geschichte dieses sonderbaren Geistes findet sich übrigens hier auf LongForgottenHauntedMansion, geschrieben von einem Augenzeugen, der die erste Version des Hatbox-Ghosts noch selbst erlebt hat.
Für jeden, der an dem Anaheimer Original der Bahn interessiert ist, kann ich diesen Blog nur wärmstens empfehlen; der Autor durchforstet in den verschiedenen Artikeln jedes Detail der Bahn und legt den Schwerpunkt auf ausgeklügelte, oft geradezu hochpsychologische Analysen, die unbedingt lesenswert sind. Auch dem Vergleich des Haunted Mansion mit dem Pariser Phantom Manor ist auf diesem Blog ein hochinteressanter Artikel gewidmet.