Über die Musical-Fassung von Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame habe ich seinerzeit schon einen Artikel geschrieben. Ich war von der Adaption nicht allzu begeistert, dafür weist sie durchgehend zu viele Schwächen auf, aber ich muss zugeben, dass ich mich dennoch nicht von dem Musical lösen kann.
Zum einen liegt das vielleicht daran, dass ich es als eine schmerzhaft verpasste Gelegenheit ansehe. Das Musical hätte wirklich genial werden können; selbst in seiner jetzigen Form hat es stilistische Ähnlichkeiten mit Drama-Größen wie Elisabeth oder Rebecca. Doch das vielversprechende Grundmaterial und die durchaus interessante Musik werden schließlich verwässert durch Texte und Inhaltsänderungen, die einer Seifenoper entsprungen scheinen und durch eigentlich gute Schauspieler, die hier entschlossen scheinen, die schmalzigste Performance ihrer Karriere abzugeben. Wie gesagt, es ist ein Jammer.
Aber zum anderen bin ich an dem Musical alleine deshalb interessiert, weil die Veränderungen zum Ursprungsmaterial durchaus faszinierend sind. Denn wenn sie auch lange nicht alle positiv sind, so schafft doch jede Veränderung mit ihren Vor- und Nachteilen implizit Stoff zum Nachdenken – und das Theaterstück selbst ist so genial, dass jedes weitere Nachdenken nur fruchtbringend sein kann.

Die wichtigsten Veränderungen des Musicals sind ja generell simpel: Überall wurde dafür gesorgt, dass mehr Gefühl, mehr Emotionen entstehen. Man könnte sicherlihc sagen, dass darin schon das Hauptproblem liegt; das Original ist nun einmal kalt, es braucht keine zusätzlichen Emotionen. Das Stüxk funktioniert ja gerade erst durch die starke Abstraktion.
(Nebenbei bemerkt: Ich will hier kein Wort verlieren über die lächerliche Raufbande, die als Einziges von Claires schaurig absurdem Zirkus von Eunuchen und vorübergehenden Ehemännern übriggeblieben ist.)
Aber gut, schauen wir uns die neuhinzugewonnenen Gefühlsbereiche an.
Der größte emotionale Unterschied besteht natürlich bei dem Hauptpaar. Im Musical zeigt sich Claire in höchstem Maße leidenschaftlich und auffahrend, wenig ist noch von ihrer emotionslosen Gelassenheit im Theaterstück zu spüren. Alfred dagegen macht klar, dass er sie alleine immer geliebt hat, und bricht damit mit einer wesentlichen Aussage des Originals. Was ich von diesen Veränderungen halte, habe ich denke ich schon klargemacht. Dieser Teil des Musicals wird zur reinen Seifenoper; unnatürlich und kitschig – von den dadurch eröffneten Logiklöchern gerade in Endlied ganz zu schweigen.

Dann sind da die Nebenfiguren.
Anders als im Original sind im Musical alle Stadtbewohner enge Freunde von Alfred. Sie duzen sich und reden sich selbstverständlich mit Vornamen an; ein ganzes Lied ist alleine der Freundschaft zwischen Alfred und Gerhard, dem Polizisten gewidmet. Und das Wichtigste: Es waren ebendiese Freunde, die Mitbewohner der Stadt, die Alfred damals geholfen hatten, Claire zu verraten.
Das schafft zum einen natürlich wieder mehr Emotionalität. Wenn der Zuschauer spürt, dass die Güllener wirklich Alfreds Freunde sind, so spürt er auch den Verrat um einiges härter. Aber zum anderen ändert sich auch die gesamte Intention von Claire durch diese Anpassung beträchtlich.
Im Theaterstück hat die alte Dame den Großteil ihrer Rache längst ausgeführt – der Richter von damals ist entwürdigt, die beiden Meineid-Schwörer wurden geblendet und kastriert. Alfred selbst ist nun nur noch der letzte Punkt, der auf ihrer Liste abgehakt werden muss. Gerade dadurch, und durch den beiläufigen Ton ihrer Gespräche, wird die gesamte Aura der Dame um einiges härter, vertrockneter, ja abgestorbener.
Im Musical sieht das anders aus: Claire kommt, um der Stadt ihr Angebot zu machen, und es ist klar, dass dies genau die Leute sind, die sie damals verraten haben. Wie sie selbst es ausdrückt: „Eine Hure hat diese Stadt aus mir gemacht, jetzt mach ich ein Bordell daraus“
Es ist die gesamte Stadt, jeder einzelne Meineidige und Lästerer, an dem Claire sich rächen will. Der Tod von Alfred selbst fungiert dabei beinahe als Nebenprodukt. Dadurch wird Claire natürlich wieder emotionaler und leidenschaftlicher dargestellt, aber ihr gesamter Plan bekommt gleichzeitig auch mehr Sinn und gezielte Intention. Wenn sich die gesamte Stadt in ihrer Gier zunehmend gegenseitig zerfleischt, so ist klar: Dies genau ist das Schicksal, das Claire den Bürgern als Strafe auserkoren hat.
Man kann sich nun sicherlich streiten, welche Intention dem ganzen Stück mehr Schwere und Bedeutung gibt. Ich persönlich finde diese Variation im Musical auf jeden Fall sehr gelungen.

Ein letzter, wichtiger Punkt, der im Musical geändert wurde, ist die Bedeutung der verschiedenen Einzelpersonen – insbesondere die Figuren, die noch bis weit ins Stück hinein zu Alfred stehen.
Da ist zum einen Mathilde, Alfreds Frau und der Grund, weshalb er sich einst von Klara getrennt hat. Im Theaterstück fungiert sie hauptsächlich als Plotdevice. Sie steht zwar selbstverständlich zu Alfred, doch später regt auch sie sich über die Entwicklung nicht allzu sehr auf, und da sie als Frau bei der großen Wahl am Ende nicht teilnimmt, bleibt ihr ganze Beziehung zu Alfred ohne größere Konsequenzen. Im Musical dagegen ist Mathildes (in Wahrheit unerwiderte) Liebe für Alfred ein wichtiger Teil des Liebesdreiecks, das sich zwischen Alfred, Claire und Mathilde aufspannt. Der Moment, in dem selbst die eigene Frau sich von Alfred abwendet, wird als großer Wendepunkt gespielt, der nur leider wieder im Kitsch der Liebesgeschichte versinkt.

Und dann ist da der Lehrer.
Der Lehrer nimmt auch im Theaterstück eine besondere Rolle ein. Er ist derjenige, der moralisch noch am längsten durchhält und zu Alfred und seinen eigenen Grundsätzen stehen will. Auch seine Gewissensnot, die ihn zunehmend zum Alkohol treibt, wird deutlich geschildert, wenn sie auch nicht von allzu langer Dauer bleibt.
Am Ende ist es Alfred selbst, der den Lehrer von seinen Gewissensqualen befreit: Womöglich absichtlich verschafft Alfred dem Lehrer den nötigen Vorwand, ihn wie alle anderen Stadtbewohner auch als Schuft abzuurteilen. Es ist der Lehrer, der schließlich vor der versammelten Bürgerschaft eine große Rede hält, in der er mit verquerer Logik und falscher Moral den Menschen die Entschuldigung schafft, Alfred zum Tode zu verurteilen.

Im Musical allerdings ist die Rolle des Lehrers – Klaus – um einiges ausgebaut und mit einer ganz speziellen Gewichtung belegt. Er ist nicht einfach nur der Letzte, der vor dem Angebot in die Knie geht. Bis zum Schluss ist der Lehrer der Einzige, der wirklich begreift, was hier vor sich geht, und der sich bemüht, sich selbst und alle anderen vor dem „Seelenkauf“ wie er es nennt zu retten.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Lehrer sich nicht urteilend verhält; er stellt sich selbst nicht vor seinen Mitbürgern heraus. Er erkennt von Anfang an den Mord an Alfred als unumgänglich, und so bringt er mit all seinen Klagen nur die Trauer um den Zerfall der Stadt zum Ausdruck – einen Zerfall, gegen den er, wie er selbst weiß, nichts mehr tun kann. Selbst als er Alfred geradezu anfleht, zu fliehen und sich zu retten, ist es doch nur eine halbherzige Bitte; so als wüsste er selbst, dass eine so einfach Lösung längst nicht mehr möglich ist.
Am Ende knickt auch der Lehrer selbst ein – genau wie er es vorhergesehen hatte. Er ist der Letzte, der die Hand für Alfreds Verurteilung hebt.
Dabei stellt sich die Frage, warum? Der Lehrer hatte die gesamte Zeit über gewusst, was geschehen würde. Er hat für die Humanität gesprochen, hat gegen den Mord kämpfen wollen – und nun, am Ende, bricht er selbst mit einem Mal auch?

Ich sehe die Gestalt des Lehrers in Musical anders. Wie gesagt; er ist nicht der Letzte, der sich beugt – er ist der Einzige, der es bis zum Ende nicht tut.
Der Lehrer hatte die ganze Zeit gewusst, dass die Menschen schwach sind; er wusste, Güllen würde der Versuchung erliegen. Und natürlich hatte er recht: Er musste mitansehen, wie die gesamte Stadt um ihn herum zerfällt. Vielleicht hat dieser Mann, dieser einzige Aufrechte, am Ende einfach keine Lust, der Einzige zu sein? Um seine eigene Vorhersage über die Schwäche der Menschen zu erfüllen, und um klar zu machen, dass er selbst nicht besser dasteht als seine Nachbarn, deshalb beugt er sich. Als Selbstbestrafung dafür, dass er den Untergang seiner Stadt – seiner Schutzbefohlenen! – nicht aufhalten konnte, geht selbst in deren moralischen Untergang mit ein.

Der Lehrer im Musical ist eine faszinierende Gestalt, groß auf seine Weise, wenn auch seltsam erbärmlich. Es ist eine Gestalt, die im Original so nicht vorhanden ist; dort handelt die gesamte Stadt schließlich als mehr oder weniger homogene Masse.
Und ich denke, wenn die Geschichte irgendeine praktische Bedeutung haben soll, ist diese Gestalt nötig.

Das gesamte Theaterstück ist zynisch bis ins Extrem. Es ist gar zu einfach, die Geschehnisse als Zuschauer von Ferne zu betrachten und sich dabei moralisch überlegen zu fühlen. In diesem Haufen geldgieriger Verräter gibt es schließlich keine Figur, die das Publikum dazu zwingt, sich mit ihr zu identifizieren.
Mit der Gestalt des Lehrers im Musical ändert sich das.
Nun hat auch ein von der eigenen Moral überzeugter Zuschauer ein Spiegelbild, das ihn dazu zwingt, seine eigenen Moralvorstellungen in einen Rahmen mit dem Geschehen auf der Bühne zu setzen. Er sieht den Lehrer, eine Person, der offenkundig viel an seinen eigenen Werten liegt, eine in sich gefestigte, starke Persönlichkeit – und der Zuschauer muss mit ansehen, wie auch diese Figur scheitert, wie sie den moralischen Untergang nicht aufhalten kann, und wie selbst der Lehrer am Ende unter dem Gewicht des Geldes brechen muss.
Gerade so erhält doch das Publikum – insbesondere ein Publikum, das nach den eigenen, höheren Moralvorstellungen lebt – erst einen persönlichen Zugang zu der ganzen Geschichte. So wird verhindert, dass Der Besuch der Alten Dame kurzerhand als einfache Farce abgetan werden kann.

Ich nehme an, das jede Entscheidung hierzu von Dürrenmatt durchaus bewusst getroffen wurde. Es passt zu dem kühlen, trockenen Ansatz des Stückes, dass es eben keine offensichtliche Identifikationsfigur gibt. Und dennoch: Gerade diese Möglichkeit des Musicals, dieser Beschäftigungs-Zwang hebt es meiner Meinung nach erst auf eine neue Stufe.
Von allen Veränderungen, die bei dieser Adaption des Theaterstücks gemacht wurden, ist die Veränderung des Lehrers diejenige, die wirklich etwas bedeutet und das Original auf gewisse Weise noch größer machen kann.