Als großer Bewunderer Friedrich Dürenmatts kann ich sagen, dass mich keines seiner Werke so gefesselt hat wie Der Besuch der Alten Dame, die grausame Tragikkomödie, in dem eine steinreiche Dame in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich die langentbehrte Rache an ihrer Jugendliebe zu erkaufen. Und gerade weil die Grundidee des Stücks so simpel ist, ist das Theater wohl der einzig passende Ort für Dürrenmatts Geschichte – nur dort ist es möglich, die Handlung in all ihrer Vorbehaltslosigkeit gleichzeitig absurd und dennoch beklemmend realistisch darzustellen. Das ist auch der Grund, warum ich die Theateraufnahme von 1959 als die einzig wahre Verfilmung des Stoffes ansehe; die Hollywood-Fassung von 1963 oder gar dem jüngst erschienenen, krampfhaft vertragisierten Film von 2008 gelingt es einfach nicht, dem Stück wirklich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wie Dürrenmatt selbst sagte: „Die Alte Dame ist ein böses Stück, aber gerade deshalb darf es nicht böse, sondern muss aufs humanste wiedergegeben werden, mit Trauer, nicht mit Zorn, doch auch mit Humor, denn nichts schadet dieser Komödie, die tragisch endet, mehr als tierischer Ernst.“

Doch abgesehen von den verschiedenen Verfilmungen hat Dürrenmatts Werk nun die Gelegenheit, in einer ganz anderen Weise auf den Theaterbühnen zu glänzen – als dramatisches Musical. Die neue Bearbeitung wird nächstes Jahr in Wien starten, doch schon diesen Sommer läuft das Stück quasi als Vordurchlauf bei den Festspielen vor der atemberaubenden Kulisse des Thuner Sees.
Wenn man sich nun die Frage stellt, wie Der Besuch der Alten Dame als Musical funktionieren könnte, so wird denke ich schnell klar, dass beinahe jeder Ansatz vorstellbar ist. Die Inszenierungsmöglichkeiten einer Musicalbühne sind mindestens so umfassend wie im Theater; von einer filmrealistischen Darstellung bis zum abstraktesten Stück ist wirklich alles vorstellbar. Und auch was die Musik angeht ist es schwer, die Richtung eines solchen Stückes abzuschätzen – die Möglichkeiten, eine solche Geschichte musikalisch umzusetzen, sind buchstäblich unzählbar.

Sieht man sich das – meiner Meinung nach sehr gelungene – Plakat der Produktion an (das im Gegensatz zur Wiener Produktion nicht nur auf Starpower zählt), so wird zumindest klar, dass eine gewisse Modernisierung stattgefunden hat: Der Schuh, der das Bild auf so markante Weise dominiert, ist modisch rot und nicht gelb wie im Stück. Wie bei allen anderen Modernisierungen, die im Musical zweifelsohne stattgefunden haben, verweise ich allerdings nur auf Dürrenmatts eigene Angabe, die als Zeit der Handlung schlicht „Gegenwart“ angibt.
Das Bühnenbild, ein riesiges Monopoly-Brett mit angedeuteten Häuserstrukturen und knöcheltiefem Wasser auf der Bühne, zeigt auf den ersten Blick, dass man sich für eine eher abstrakte Darstellungsweise entschieden hat, und die Inszenierung folgt mit ihrer symbolartigen Einfachheit demselben Weg. Die Stadt Güllen ist grau, ganz genauso wie ihre Bewohner, die mit ihren grauen Gummistiefeln durch das Wasser waten – bis das verheißene Geld von Claire Zachanassian sie dazu bringt, die farblosen Kleider Stück für Stück durch buntleuchtende Accessoires aufzuwerten und zu ersetzen.
Wie zu erwarten ist Claire (begleitet von ihren weißen Bodyguards) die Einzige, die sich dieser Farbsymbolik entzieht: Vom Schopf bis zum Fuß in härtestes Schwarz-Weiß getaucht, strahlt sie die Kompromisslosigkeit weithin offen aus.

Die Musik des Musicals hat mir, soweit ich es nach dem ersten Hören beurteilen kann, gut gefallen. Auch wenn sicher der eine oder andere Ausrutscher dabei ist, so werden sie doch durch die interessanteren Stücke wieder wettgemacht, und gerade bei den Chorliedern ist die Ohrwurm-Frequenz beeindruckend hoch.
Gerade die Texte schaffen es oft überraschend gut, die groteske Tragik des Stückes auf die neue Ebene hinüberzutragen – mein persönlicher Favorit ist dabei die Versicherung der Güllener, dass sich Alfred um die angehäuften Schulden keine Sorgen machen muss: „Und wir rechnen mit dir ab, ganz fair!“ In der gleichen Weise gelingt es auch dem Duett „Freunde fürs Leben“ zwischen Alfred und dem Polizisten, sich durch seinen zunehmend zynisch-bösen Text aus dem Bereich des belanglosen Freundschaftsliedes herauszustehlen.
Generell wird die Reaktion der anderen Einwohner auf Claires Angebot übrigens mit viel Fingerspitzengefühl gehändelt; ihre erste Reaktion im Lied „Ungeheuerlich“ zeigt klar, dass es sich um durchaus moralische Menschen handelt, die in ihrer Grundeinstellung nicht besser oder schlechter sind, als jeder andere – und gerade dadurch kann die schnelle Wandlung ihrer Einstellung schließlich überhaupt erst Wirkung entfalten.

Wenn ich mit der Musik des Stückes ein Problem habe, so ist das der überraschend hohe Kitsch-Anteil, der speziell die intimen Lieder zwischen Alfred und Claire durchzieht. Gerade die große Schlussballade „Liebe endet nie“ wäre mit ihrem Süßholzgeraspel schlichtweg unerträglich, riefe man sich nicht immer wieder ins Gedächtnis, dass Claire die gesamte Zeit über zwei Milliarden auf Alfreds Kopf ausgesetzt hat.

Generell fällt auf, dass die gefährliche Grenze zur Melodramatik im Musical nie sehr fern liegt. Auch wenn die Komik des Stückes durchaus noch weithin vorhanden ist, so wird die tragische Seite der Geschichte doch stark betont, und gerade hier verlässt die Inszenierung gerne den Bereich des Grotesken und versucht, eine aufrichtige Dramatik zu präsentieren.
Die zusätzlich eingefügten Szenen schlagen dabei eindeutig in dieselbe Kerbe: Eine Begegnung zwischen Alfred und Claire beginnt mit einem Mordversuch Alfreds und gipfelt schließlich gar in einem leidenschaftlichen Kuss der beiden. Und wenn Alfreds Frau Mathilde ihn ihrer Liebe versichert, nur um später verzweifelt zu hören, dass er immer nur Claire geliebt habe, so scheint kurzfristig gar das Dreieckgeschichten-Niveau einer durchschnittlichen Seifenoper erreicht.
Der eigentliche Punkt, an dem sich all diese Veränderungen ausrichten, ist leicht gefunden. Claire Zachanassian, die Alte Dame, die im Theaterstück so verhärtet ist, dass man ihr kaum noch wahre Gefühle zutrauen kann, wird hier als eine leidende, nur allzu gefühlsverhaftete Figur dargestellt – bis zu dem Moment, als sie am Ende als Reaktion auf Alfred Tod offen ausruft: „Mörder. Ihr seid alle Mörder!“
Es ist ein sehr bewusster Eingriff in die Rolle, zu dem die Darstellerin Pia Douwes selbst zugibt, dass das Stück „menschlicher gemacht worden [ist], damit es die Leute noch besser erreicht.“ Nun stellt sich natürlich die Frage, ob so eine Änderung wirklich unumgänglich ist. Es ist wohl wahr, dass das Musical eine Kunstform ist, deren Stärke in der Darstellung von Emotionen liegt, und die Versuchung, dabei die Emotionen gerade der titelgebenden Hauptfigur weiter auszuleuchten, war in dem Fall wohl unwiderstehlich. Wenn es um meine persönliche Beurteilung geht, so denke ich, dass der Versuch, Claires Innenleben offenzulegen, alles andere als nötig war – aber das er dem Musical als solches dennoch wenig bis gar nicht geschadet hat. Das liegt zum einen daran, dass trotz aller weichherzigen Worte ihre Taten immer noch so unbeugsam sprechen wie eh und je, zum anderen daran, dass es Pia Douwes problemlos gelingt, auch eine mitfühlendere Claire Zachanassian ohne jede Schnulzengefahr als tragisch verhärtete Gestalt zu präsentieren.

Das führt mich zu einem der interessantesten Punkte; der Besetzung der beiden Hauptrollen. Bei den Thuner Seespielen wird, wie auch nächstes Jahr im Ronacher in Wien, mit Uwe Kröger und Pia Douwes eine großartige Starbesetzung aufgefahren, die alleine helfen sollte, die Säle zu füllen. Wie zu erwarten, boten beide Darsteller eine geniale Performance und nahmen in Gesang und in Schauspiel die Bühne vollkommen für sich in Anspruch – eine Tatsache, die umso deutlicher heraustritt, wenn das von alternativen Darstellern präsentierte, junge Liebespaar sich im Duett mit den beiden abwechselt.
Darüber, dass Pia Douwes perfekt in ihre Rolle passt, stellte sich für mich von Anfang an nicht die geringste Frage. Charakterliche Modifizierungen hin oder her, sie gibt der Rolle solche Inbrunst und Überzeugung, dass man Claire ob ihres Blutdurstes kaum wirklich verdammen kann. Und wenn sie offen zu Alfred schmettert „drum kauf ich mir Gerechtigkeit, nicht Rache, nur Gerechtigkeit“, dann sollte auch dem unwissendsten Zuschauer klar sein, dass diese Frau niemals von ihrer Forderung ablassen wird.

Was die Besetzung von Uwe Kröger als Alfred Ill angeht, so hat mich die Wahl im Vorfeld zwar gefreut, aber doch auch etwas verwundert – ich muss zugeben, dass ich die Rolle im Theaterstück als eher schwache Gestalt gesehen hatte, und so war ich gespannt, was gerade Uwe Krögers unbeugsame Energie aus dieser Figur herausholen könnte.
Natürlich wurde ich nicht enttäuscht. Er hat seine Rolle in jeder Hinsicht voll ausgefüllt – ganz davon abgesehen, dass er einer der wenigen Darsteller ist, die neben Pia Douwes voll und ganz bestehen können. Ich hatte das Gefühl, dass es ihm gelang, Alfred in dieser Fassung mit mehr Ehre und Festigkeit auszustatten, als es im Theaterstück vorhanden war; er zeigt Charakter, wo im Original noch Schwäche hineininterpretiert werden könnte. Doch offensichtlich stellt dieser Punkt durchaus Ansichtssache dar: Als ich Uwe Kröger persönlich fragte, sagte er, dass all diese Charakterzüge schon in der Theaterrolle angelegt seien. Er war der Meinung, dass Alfred gerade bei Dürrenmatt der eigentliche Held sei, der Einzige, der eine Entwicklung durchmacht: „Alle anderen bleiben auf ihrem Status quo stehen und rennen ins Verderben, und er stellt sich der Sache.“ Doch auch wenn diese Sichtweise schon im Theaterstück angelegt ist, so wird sie doch nun im Musical offensichtlich. Wenn Alfred singt „Ich hab die Angst besiegt“, so lässt sich seine innere Befreiung von Furcht und Tod sicher nicht mehr überhören.

Das Spannende daran, in Thun nun quasi die Testversion eines neuen Musicals gesehen zu haben, liegt natürlich im Vergleich mit zukünftigen Aufführungen. Bei der Überlegung, in welche Richtung sich das Musical bis zu seiner Premiere im Ronacher nächstes Jahr noch verändern könnte, fällt es mir allerdings schwer, konkrete Verbesserungsideen zu finden – der Inhalt des Musicals steht mit seinen Stärken und Schwächen so fest in sich verankert, dass sich daran kaum etwas Größeres verändern lässt, und auch die Hauptdarsteller selbst scheinen fest in ihren Rollen verankert.
Was sich aller Wahrscheinlichkeit nach ändern wird, ist die gesamte Inszenierung. Natürlich haben die Wiener Musicalbühnen ganz andere Möglichkeiten, was die Kulissenarbeit angeht, und wenn in Thun die Entscheidung zum Minimalismus wohl noch reine Notwendigkeit war, so wird das Bühnenbild nächstes Jahr bis ins letzte Detail bewusst gewählt sein. Es ist anzunehmen, dass dann zumindest ein Teil der Symbolarbeit einer eher realistischeren Inszenierung weichen wird – eine Veränderung, die bei guter Umsetzung nicht unbedingt schlecht sein muss.
Ich denke, ich werde nicht darum herumkommen, mir auch diese Version noch anzuschauen und ich bin jetzt schon gespannt, welchen Weg Der Besuch der Alten Dame weiterhin einschlagen wird.