Um eine Geschichte zu erfahren sind gewöhnlich nur wenige Sinne nötig. Die einfachste Form kommt mit dem Erzählen oder Lesen alleine aus, bei Filmen kombinieren sich Audio und Video zu einem Gesamterlebnis. Auch wenn es zwischen Büchern und Filmen um definitiv unterschiedliche Medien des Geschichtenerzählens geht, sind sie sich doch so ähnlich, dass die meisten Geschichten vergleichsweise einfach zu übertragen sind.
Spannender wird es, wenn sich eine Geschichte ganz speziell auf ungewöhnliche Bereiche fokussiert. Es stellt eine ganz besondere Herausforderung dar, bestimmte Sinneswahrnehmungen auch für andere Sinne wirklich begreif- und fühlbar zu machen, doch wenn es funktioniert, dann gehören die Ergebnisse meist zu den genialeren Werken aus Film und Literatur überhaupt. Als es um die Verfilmung des Romanmeisterwerks Das Parfum ging, waren viele Stimmen zu hören, die meinten, es sei unmöglich, die intensiven Geruchsbeschreibungen des Buches in das filmische Medium zu übertragen. Was dabei vollkommen übersehen wurde, ist nur, dass auch der Roman selbst auch keine Geruchsstoffe bereitstellen konnte – all die eindrucksvollen Beschreibungen waren nichts anderes, als genial vollbrachte Sinnesübertragungen ins geschriebene Medium.

Ein anderes Beispiel für eine perfekt gelungene Mediumsübertragung bietet der Film Amadeus. Es ist ein grandioser Film über Mozart, und mehr noch über Salieri – aber das eigentliche Thema ist die Frage nach Genie, in diesem Fall in der Gestalt von klassischer Musik.
Generell stellt Musik für einen Film ein relativ kleines Problem dar, schließlich handelt es sich um ein audiovisuelles Medium. So ist es nur folgerichtig, dass der gesamte Soundtrack aus der Musik Mozarts (und teilweise der von Salieri) besteht. Aber es geht hier nicht nur um die Musik alleine; das eigentliche Thema ist das Komponieren von Mozarts Musik. Bei dieser Art von Komposition handelt es sich um eine komplexe Kunst, die von wenigen Menschen wirklich nachvollzogen werden kann. Die klassische Musiktheorie ist kompliziert, und gerade bei mehrstimmigen Partituren ist alleine das Lesen der Noten schwierig genug.
Aber für das Thema des Films ist es essentiell, gerade diese Kunst für das Publikum richtig herüberzubringen. Und von den ersten Szenen an, wenn Salieri Mozarts Noten ganz selbstverständlich lesen kann, wird klargestellt, dass für die beiden Hauptfiguren der Zugang zu komplexer Musik sehr offensichtlich ist. Doch erst im zweiten Teil sieht man Mozart beim Komponieren, und hier wird klar, dass er ebenso komponiert, wie andere lesen; während er schreibt, hört er (und damit auch der Zuschauer) die fertige Musik schon in vollkommener Perfektion. In einer Szene ist die Hintergrundmusik so laut, dass alle reellen Geräusche in seiner Umgebung dabei fast ausgeblendet werden. Endlich rüttelt seine Frau ihn an der Schulter, Mozart schrickt auf und die Musik bricht, auch für den Zuschauer, abrupt ab. Und vor allem gegen Ende des Films drückt die Hintergrundmusik immer direkter aus, was Mozart gerade denkt oder komponiert – eine perfekte Art, die Zuschauer auf subtile Weise am Innenleben des Künstlers teilhaben zu lassen.

Aber das Meisterstück von Amadeus ist die große finale Konfrontation. Der Inhalt: Zwei Männer reden miteinander, und das in einem Spezialcode, den die absolute Mehrheit der Zuschauer nicht verstehen kann. Und dennoch ist es das emotionale Glanzstück des Films, eine Schlüsselszene, wie sie ein derartiges Werk verdient. 

Der todkranke Mozart diktiert Salieri das „Confutatis Maledictis“ seines, unwissend für ihn selbst bestimmten, Requiems. Und zum ersten Mal öffnen sich die beiden Komponisten einander gegenüber, Salieri auf emotionaler Ebene und Mozart auf musikalischer.
Die Annäherung ist subtil aufgebaut: Statt großer gefühlvoller Worte geht es wirklich nur um die Notation des Musikstückes selbst – Noten, Akkorde und Harmonien. Was Mozart diktiert, ist für den Großteil der Zuschauer reines Kauderwelsch, aber es ist offensichtlich, dass Salieri ihn versteht – schließlich ist auch er ein kompetenter Musiker, der zumindest technisch auf derselben Wellenlänge steht. Und doch ist er durch Mozarts Eifer, seine überbordende und vorauseilende Beschreibung der Musik immer wieder überfordert.
Es ist das Spiel der beiden, das tiefere emotionale Thema, das daraus eine einmalige Szene macht. Hier wird die Größe von Mozarts Genie wirklich deutlich, seine Weltentferntheit und die Mühe, mit der Salieri versucht, Mozarts Visionen hinterherzuhinken. (Ein Effekt, der im Film auch dadurch unterstützt wurde, dass der Mozartdarsteller Tom Hulce beim Dreh absichtlich Zeilen ausgelassen hat, um F. Murray Abraham in seiner Darstellung von Salieris Verwirrung weiter anzutreiben.) Und auch wenn Salieris Niederlage so deutlich wird wie nie zuvor, so kann er auch jetzt nicht – gerade jetzt nicht – in seiner Bewunderung für diesen obszönen Kindskopf nachlassen. Am Ende scheint er eher dankbar dafür zu sein, dass Mozart ihn dieses eine Mal an seinem Genie hat teilhaben lassen.

Ich halte Amadeus für ein Meisterwerk in jeder Hinsicht, in Thema, Spiel, Geschichte, und nicht zuletzt seiner (Anti-)Moral. Aber gerade in den Szenen wie dieser hier wird klar, wie genial der Film wirklich ist. Es ist wunderbar, wie hier auf so vielen Ebenen gleichzeitig gearbeitet wird, um das Talent dieses Komponisten dem Zuschauer mit allen Sinnen fühlbar zu machen. Amadeus ist ein genialer Film, ein Glanzstück zu Ehren von Mozarts Musik, das seinem Thema wahrhaft würdig ist.