Die grauenvollen Ereignisse der letzten Woche haben mich ebenso sehr wie jeden anderen zutiefst erschüttert und, mehr noch, zum Nachdenken gebracht. Es ist nicht nur der Fanatismus und die reine zerstörerische Kraft hinter dem blutigen Anschlag, die mich bewegt, es ist vielmehr das Drama, dass eine kleine Gruppe Wahnsinniger es sich anmaßen kann, eine gesamte Glaubensrichtung zu vertreten, und dass es diesen Fundamentalisten gelingt, all ihre Glaubensbrüder durch ihrer Tat zu beschmutzen. Am Ende hat der Anschlag fanatischen Islamisten und Islamhassern ja gleichermaßen geholfen, und es wird eine grauenvolle Bilanz sein, wenn sich die fehlgeleiteten Demonstranten am Montag vervielfacht haben.

Doch ich bin nicht gut darin, über das Zeitgeschehen zu reden; die aktuelle Politik ist schlichtweg nicht mein Metier. Mich selbst hat der folgenschwere Anschlag viel mehr zum Nachdenken auf einer ganz anderen Ebene gebracht: Die Ereignisse haben in mir den Wunsch geweckt, meine Gefühle und meinen inneren Aufruhr auf schriftstellerische Weise zu verarbeiten.
Ich bin momentan mit der Planung meines ersten fantastischen Romans beschäftigt, der irgendwann im sechzehnten bis siebzehnten Jahrhundert spielen wird. Nun haben mich die aktuellen Neuigkeiten dazu inspiriert, den Roman nach 1640, in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu verlegen. Zu dieser Zeit wurden Deutschland und viele andere europäische Länder von den Nachwehen der Luther’schen Reformen erschüttert, und die Kriege der Fürsten um ihre jeweilige Landesreligion haben Europa über Jahrzehnte hinweg zu Hungersnöten und blutigen Schlachten verdammt. Am meisten darunter gelitten haben wie immer die Bauern, die einfachen Menschen, denen ihr tägliches Brot sehr viel wichtiger war als die Religion des jeweiligen Fürsten.
Ich hatte dieses Setting vor Augen und hielt es für eine ideale Kulisse, um die Wut und die Erbitterung zu verarbeiten, die die letzte Woche in mir hinterlassen hat. Also habe ich darüber nachgedacht, wie sich meine Geschichte in diese Umgebung einfügen könnte; wie ich meine Gefühle am effektivsten zum Ausdruck bringen könnte. Und ich kam zu dem Ergebnis: Es funktioniert nicht.
Der Schleier der Zeit ist zu stark, und die Gefühle, die die Religion in uns hinterlässt sind zu aktuell, als dass wir uns in dieser Hinsicht in irgendeiner anderen Epoche wirklich wiederfinden könnten.

Wir leben in Europa in einer nicht allzu religiösen Umgebung. Die Trennung von Kirche und Staat ist zum Standard geworden und die Bedeutung, die unsere Religion im Alltag hat, ist nicht zu vergleichen mit dem gesellschaftlichen Druck vergangener Jahrhunderte. Folglich belächeln wir frühere, „simplere“ Religionen gerne und haben allgemein keinerlei Verständnis für religiösen Fanatismus. Doch die Gefühle, die in dieser Richtung noch vorhanden sind, die Sorge um unsere Kultur, die abschätzige Haltung anderen, „rückständigeren“ Ländern gegenüber, diese Denkarten halten wir für hochrational und verteidigen sie wenn es sein muss bis aufs Blut.
Ich könnte über eine andere Zeit schreiben, über die Vorurteile, die die Religionen dort gegeneinander ausbreiten, und über den irrationalen Hass, geschürt von einzelnen, gezielten Angriffen, der ganze Volksstämme gegeneinander aufbringt und in den Kampf treibt. Und die Reaktionen der Leser wären klar: Solch religiöser Wahn würde auf beiden Seiten verurteilt werden, die Irrationalität des religiösen Hasses würde verachtet werden.
Doch der aufrechte Mitbürger, der auf seinem Heimweg von der Arbeit ein paar türkische Jugendliche auf der Parkbank herumlungern sieht, und sich sofort an Charlie Hebdo erinnert fühlt – wäre dieser ehrlich empörte Mensch wirklich gewollt, seine Situation mit religiösen Streitereien vergangener Jahrhunderte zu vergleichen? Würde er verstehen, dass er durch den grausamen Anschlag ebenso manipuliert wird wie einst ein katholischer Bauer durch die Berichte protestantischer Häresie?

Es muss weitergehen

Es ist immer leicht, über vergangene Zeiten zu urteilen und die damaligen Menschen mitleidig zu belächeln. Doch das sind nicht die Gefühle, die ich erreichen möchte. Ich bin traurig darüber, dass Menschen einander ermorden, doch noch viel mehr bin ich wütend: wütend wegen der Zeitungen, die in ihren Berichten das fragliche Charlie-Hebdo-Cover zensiert haben, wütend auf die Reaktionen der Menschen, die nun alle Muslime in einen Topf werfen möchten, auf PEGIDA, wütend auf eine Menschheit, die es bei allem Fortschritt und allen modernen Errungenschaften immer noch nicht schafft, ohne die Erleichterung eines fanatischen Feindbildes auszukommen.
Das sind die Reaktionen, die ich in einem Buch über Religionskriege hervorrufen wollen würde – und ich bin nicht sicher, ob mir das in der Beschreibung eines lange zurückliegenden Krieges gelingen kann.
Am Ende ist womöglich jede Art der Kunst eine Art Eskapismus, ganz gleich, wie nahe am Zeitgeschehen oder wie politisch aktuell sie auch sein mag.