Kategorie: Meine Gedanken

Die Wege des Leibhaftigen in Der Meister und Margarita

Eine der interessantesten Teufelsdarstellungen unserer Zeit bietet Mikhail Bulgakov in seinem 1940 fertiggestellten Roman Der Meister und Margarita. Das Buch erzählt, wie der Leibhaftige unter dem Namen Professor Woland mit seinem Gefolge nach Moskau reist, um dort seinen jährlichen Frühlingsball abzuhalten und es berichtet von den allgemeinen Verwirrungen, die diese Reise bei jedem hinterlässt, der der der Schar auf die eine oder andere Weise über den Weg läuft.
Dabei unterscheidet sich Woland die gesamte erste Hälfte des Buches über kaum von der typischen Teufels-Inkarnation. Praktisch jedes Mitglied der Moskauer Gesellschaft, das ihm begegnet, stellt sich als arrogant, gierig oder schlichtweg dumm heraus, und sie alle werden von ihm oder seinen Dienern auf die eine oder andere Weise abgestraft. Auf diese Weise bietet Bulgakov in seinem Roman eine so sarkastische wie trockene Kritik an der russischen Gesellschaft und dem Staatssystem, die dafür sorgte, dass Der Meister und Margarita mehrere Jahrzehnte auf seine Veröffentlichung warten musste.
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Grüne Hexen und verzauberte Frösche

Es ist nicht schwer, in den klassischen Märchenszenarien Parallelen und gängige Klischees zu finden, doch um einiges interessanter scheint es, wenn man sich die Ähnlichkeiten zweier eher ungewöhnlicher Werke moderner Märchenkultur ansieht: das Musical Wicked – und zwar speziell Musical und nicht Maguires Roman – und der Disneyfilm Die Froschprinzessin (ja, ich weiß, der Film heißt auf Deutsch offiziell Küss den Frosch – aber mein Blog, meine Regeln).

An sich liegt der Vergleich gar nicht so fern; bei beidem handelt es sich um die Invertierung einer klassischen Geschichte (Der Zauberer von Oz und Der Froschkönig), die die Urgeschichte aber mit einer eigenen moralischen Interpretation füllt. Daher werden auch beide Werke in einem eher unkonventionellen Tonfall erzählt; wenn sie (im Gegensatz zum Roman Wicked) auch beide als Märchen verbleiben, ist ihre Struktur doch neu und frisch. So kommt es bei beiden zu einer bewusst sonderbaren Konstellation mit einem mehr als ungewöhnlichen Liebespaar, bei dem die typische Braut leer ausgeht. Man könnte sagen, es ist ironisch, dass aus diesem „unkonventionellem“ Ansatz nun wieder höchst parallele Strukturen entstanden sind.
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Verschiedene Grüntöne im Lande Oz

Zu dem weitreichenden Kosmos von L. Frank Baums Zauberland Oz, das sich neben den vierzehn von ihm selbst geschriebenen Büchern noch aus ungezählten Adaptionen anderer Künstler und nicht zuletzt dem Filmklassiker Der Zauberer von Oz von 1939 zusammenfügt, ist eine neue Bearbeitung hinzugekommen: Die fantastische Welt von Oz
Das neue Fantasy-Spektakel aus dem Hause Disney erzählt, wie der Zauberer von Oz in dem nach ihm benannten Lande ankommt und zu dem wird, was er ist – oder besser gesagt, was er vorgibt, zu sein. Doch neben dieser Entwicklung von „Oz, dem Großen und Mächtigen“ selbst, ist es vor allem die Geschichte von Glinda, Theodora und Evanora, der drei Hexen von Oz und ihrer ambivalenten Beziehung zueinander.

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Goldner Abendstern, Nachmittag und Maienmorgen in Disneys Wunderland

Wenn es einen Film gibt, bei dem sich die internationalen Synchronisationsstudios für die Bearbeitung wirklich in ihrer Kreativität ausschöpfen konnten, ohne dass die Mühe jedoch irgendwie anerkannt wird, so ist das wohl der Disney-Zeichentrickfilm Alice im Wunderland von 1951. Das englische Original lebt wie die literarische Vorlage von einer Unzahl an Sprachspielen, Nonsens-Texten und visuellen Referenzen, und der deutschen Version gelingt es so gut, die verschiedenen zugeworfenen Bälle aufzufangen, dass man von diesen Schwierigkeiten außerhalb des direkten Vergleiches rein gar nichts bemerkt.
Ein besonderes Beispiel bietet Alices Gespräch mit der Blauen Raupe. Da die Raupe dazu neigt, die einzelnen Wörter wo immer möglich durch Buchstaben aus Rauchkringeln zu unterstreichen, stellt dieses Gespräch eine ganz besondere Anforderung an die Synchronisation dar, die sich dieser Aufgabe begeistert angenommen hat: Aus dem immer wieder ausgesprochenen „Who Are You“, oder O-R-U wird „Oh, Reizend“, „unter Umständen Rätst dU‘s“ und „Onkel Raupe, Uhhh!“. Zugegeben, das gesamte Gespräch gewinnt dadurch nicht gerade an Sinn oder Stringenz – aber es ist nicht so, als ob das in diesem Fall eine wirkliche Rolle spielen würde …
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Warum ich den Ring des Nibelungen nicht leiden kann

Dass die Nibelungensage in ihren verschiedenen Ausprägungen ein Stück absoluten deutschen Kulturgutes darstellt, ist nicht erst seit der Stellungnahme von Dr. King Schultz in Django Unchained klar. Schultz bezeichnet die Heldenlegende um den Drachentöter Siegfried als die bekannteste deutsche Sage, und wenn er den Helden seiner eigenen Geschichte, Django, mit Siegfried vergleicht, soll dies zweifellos ein enormes Kompliment für seinen neuerworbenen Freund darstellen.
Ich bin froh, zu bemerken, dass Django 1858 spielt, also ganze 16 Jahre bevor das Opernepos des „urdeutschen“ Komponisten Richard Wagner seine Premiere feierte. Würde Schultz den Ring des Nibelungen kennen, so hätte er wohl entweder eine andere Meinung von Siegfried, oder meine eigene Meinung von Waltz‘ bislang wohl sympathischster Leinwandgestalt müsste durch diese Einschätzung erheblich leiden. Denn um die Wahrheit zu sagen: Bei Wagner zeigt sich der große Held Siegfried als ein einziger Widerling.
Siegfried ist arrogant, unverschämt, er schreckt weder vor Körperverletzung, Mord, noch (augenscheinlich) vor Vergewaltigung zurück. Und das ist nicht mein einziges Problem mit Wagners Opernzyklus – aber von Anfang an:
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Das letzte Einhorn in 3D

Mit Das letzte Einhorn gelang Peter S. Beagle 1968 ein ungewöhnlicher Roman, der dem unsterblichen Bild des Einhorns abseits von üblichem Kitsch eine so klassisch-passende wie neuartige Facette zu geben vermochte. Es ist ein unerwarteter Glücksfall, dass dieses grandiose Buch unter Mitwirkung des Autors als Drehbuchschreiber 1982 in einen fast genauso lyrischen Film verwandelt wurde, der Beagles Geschichte durch passende Animation und wunderbare Musik zu untermalen weiß. Der Film hatte nur einen kleinen Kino-Release, währenddessen er einen vergleichsweise unerwarteten Erfolg feierte – bis der Verleih zwei Wochen nach Filmstart bankrottging und weiterreichende Kinoerfolge im Keim erstickte. Doch dieser Rückschlag konnte den Film nicht daran hindern, sich über VHS- und Fernsehauswertungen als fester Kultfilm zu behaupten und über die Jahre hinweg ein treues Publikum zu gewinnen.

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Frankenweenie & Frankensteins Vermächtnis

Frankensteins Monster ist eine der absoluten Ikonen westlicher Horrorgeschichte. In den knapp zweihundert Jahren seit ihrer Erschaffung haben sich die Bilder von Victor Frankenstein und seinem unglücklichen Geschöpf so unwiderruflich in das öffentliche Bewusstsein eingegraben, dass ihr eigentlicher Ursprung mittlerweile tief hinter dem Popkultur-Image vergraben liegt.
Diese Norm-Verschiebung geht so weit, dass man sich fragen kann, was nach heutigem Bewusstsein eigentlich das „Original“ ist. Der Großteil des Publikums wird zumindest wissen, dass Frankenstein auf einem Roman beruht, „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley, aber das allgemeine Bild der Figur beruht sehr viel mehr auf dem alten Film von 1931 – und selbst hierfür sind die Parodien des Stoffes wohl um einiges bekannter als Boris Karloffs Darstellung selbst. In der Tat dürfte es bei der Unzahl von Anspielungen und Hommagen von kaum möglich sein, den Film heutzutage ohne jegliches Vorwissen zu sehen.
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Tim Burton’s Aladdin and His Wonderful Lamp

Wenn man Tim Burtons heute unverwechselbar düster-makaberen Stil bedenkt, erscheint für es viele verwunderlich, auf welch buchstäblich märchenhafter Bahn die Karriere dieses Regisseurs begann. Nachdem er in den 80er Jahren lange Zeit als Zwischenzeichner für Disney gearbeitet hatte, kam er gerade noch dazu, einige außergewöhnliche Konzeptzeichnungen für Taran und der Zauberkessel anzufertigen, ehe er im Schwung der von der Entwicklung des Films enttäuschten Künstler von Disney schied und auf den eigenen Regisseurssessel wechselte. Dort schuf Burton zuerst einige Kurzfilme – unter anderem auch für das Disney-Studio – bevor er sich nach der heute so geheimnisvollen wie berüchtigten Hänsel-und-Gretel-Verfilmung im Martial-Arts-Stil und Pee-Wees großes Abenteuer einer klassischen Märchenverfilmung widmete: Aladdin and His Wonderful Lamp.

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Rebecca, wo du auch immer bist …

Wenn heute Abend im Stuttgarter Palladium-Theater der Vorhang aufgeht, wird Mrs Danvers auf Manderley zum letzten Mal ihre tote Herrin beschwören.

Schon nach sechs Jahren Spielzeit kann man Rebecca zweifelsfrei als eines der großen deutschen Drama-Musicals bezeichnen. Das Stück von Michael Kunze und Sylvester Levay nimmt die Handlung von Daphne du Mauriers Roman, den schon Hitchcock erfolgreich verfilmt hat, und schafft es problemlos, die gesamte Bandbreite von Liebesdrama, mystischem Thriller und Kriminalroman musikalisch und inszenatorisch packend umzusetzen.
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Hoffnung, Schindlers Liste und der Heilige Abend

Schindlers Liste ist sicherlich kein leicht verdaulicher Film. Doch es gibt eine bestimmte Szene, die den Zuschauer auf ganz besondere Weise mitnimmt – und das, obwohl sie sich relativ weit am Ende des Filmes befindet. Nun, was kann den Zuschauer nach all dem Grauen, nach all dem Sterben und dem Leid noch mitnehmen?
Es ist die Grausamkeit enttäuschter Hoffnung.

Wenn der Zug mit den Jüdinnen, die in Schindlers Fabrik gebracht werden sollten, durch ein reines Versehen nach Auschwitz fährt und den Frauen klar wird, wo sie sich befinden, ist dies unerträglich, eine Erkenntnis schlimmer als jedes andere Leiden. Das liegt nicht etwa an der Verbundenheit des Zuschauers mit diesen Frauen, die man bis dahin kaum kennengelernt hat. Alles was man weiß, ist, dass sie darauf vertraut hatten, zu Schindler zu kommen, und diese Enttäuschung erscheint einfach unerträglich.
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