Bei Cabaret und Chicago handelt es sich um zwei Musicals, die in Handlungsaufbau und Stimmung ungemein spannend zu vergleichen sind. Die Ähnlichkeiten der beiden Bühnenstücke sind auf den ersten Blick offensichtlich: Es handelt sich um dieselben Autoren, die Stücke zeigen einen ähnlichen Stil und scheinen sich auch inhaltlich stark zu gleichen.
Beide Musicals spielen in der goldenen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, in der bunten Flitterwelt der 20er beziehungsweise Anfang der 30 Jahre. Es ist eine zündende Zeit, in der die Vorahnung des kommenden Krieges für eine einmalige Stimmung der Lebenslust und Dekadenz sorgt, einer Dekadenz, der auch die verschiedenen Figuren beider Werke zur Gänze verfallen scheinen. Gerade die Hauptfiguren, Sally Bowles und Roxie Hart, sind beide Varieté-Sängerinnen mit großen Ambitionen, und damit auf ihre Weise geradezu der Inbegriff für ein Leben von Laster und zweifelhafter Moral.

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Selbst die Inszenierung der beiden Musical-Verfilmungen ist stark vergleichbar: Während die Bühnenmusicals meist eher als ein Kammerspiel inszeniert werden, mit einer sehr abstrakten, ins Absurde gleitenden Choreographie, sind die Filme nach Hollywood-Manier eher realistisch und Musical-ferner inszeniert. In beiden Filmen sind die Lieder selbst nicht mehr handlungstreibendes Element, sondern werden auf eine Art Meta-Ebene gehoben: In Cabaret ist es das titelgebende Lokal, in dem Sally Bowles für ein dekadentes Publikum ihre eigenen Probleme in Lieder fasst, und in Chicago spielen sich die Lieder sogar nur in Kopf der Protagonistin ab.
Auf jeden Fall wird in beiden Filmen die Musik selbst als weiteres Stilmittel genutzt, um dem Prinzip von Laster und Dekadenz ein eigenes Gesicht zu geben. Es geht um die Flucht aus dem Alltag, um den Kontrast einer dunklen, harten Welt mit dem bunten Varieté-Geflitter. Und so wie die reale Welt in beiden Filmen dargestellt wird, lässt sich der Zuschauer gerne auf diese Reise mitnehmen.

Der Unterschied zwischen den beiden Werken liegt nun hauptsächlich darin, wie die Wechselbeziehung zwischen dem realen Leben der Hauptfiguren und ihrer Flucht in die Cabaret-Welt genau dargestellt wird.
vlcsnap-2015-03-20-09h27m36s191 In Cabaret haben wir als Kulisse Berlin zu Beginn des Nazi-Regimes. Damit ist es ein Absolutum, das hier als Randbedingung dargestellt wird, für heutige Zuschauer die schlimmstmögliche Umgebung überhaupt, die den gesamten Film über immer deutlicher, immer prägender zutage tritt. Im Laufe dieser Entwicklung ist es auch irgendwann für das Cabaret selbst nicht mehr möglich, diesen braunen Hintergrund mit genügend bunten Farben zu überdecken. Die gesamte Reise der Protagonisten, die verzweifelte Suche von Sally und Clifford nach Liebe oder wenigstens Sex ist eine reine Fluchtreaktion, nur ein sinnloser Versuch, sich eine eigene Realität aufzubauen, die von den Schrecknissen der realen Welt nicht berührt werden kann. Doch dieser Versuch muss zwangsläufig fehlschlagen. Das Cabaret wird zu Scharade, zu einer grotesken Maske, die die tödliche Realität immer schlechter verdeckt, bis am Ende selbst der Conferencier, die Inkarnation dieser Scheinwelt selbst, sich vor dem Schatten des Regimes beugen muss.
vlcsnap-2015-03-20-09h30m16s6 In Chicago währenddessen sehen wir die Kulisse einer kriminellen Großstadt, eine Stadt, in der ein Mord nur Unterhaltung oder Geschäft darstellt, und in der ein Anwalt den Showmaster gibt. Hier sind es die Hauptfiguren selbst, die diese dunkle Realität darstellen, denn so liebenswert Roxie und auch Velma gezeichnet sind, so sind sie doch beide eiskalte Mörderinnen ohne einen Funken Reue.
Hier ist es Roxie selbst, die sich in den Musik-Sequenzen eine flitternde Cabaret-Welt zusammenträumt, um ihre Umgebung und auch ihr eigenes Verbrechen vor sich selbst zu überdecken. Und dieser Ansatz funktioniert: Von ihrem ersten eingebildeten Moment auf der Bühne bis hin zum grandiosen Finale sehen wir, wie sie sich Stück für Stück hinaufarbeitet, und dabei die flitternde Halbwelt immer mehr zu ihrer Realität werden lässt. Soweit, bis am Ende der Traum von der Bühne, vom großen eigenen Auftritt glänzende Realität wird und die schmutzige Wahrheit ihrer Verbrechen endgültig überdeckt – in den Augen des Filmpublikums, wie auch der echten Zuschauer des Werkes.

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Beide Werke handeln von kleinen, schwachen Menschen, die in einer übermächtigen kalt-grauen Welt hin- und hergestoßen werden, die versuchen, aus ihrer Umgebung zu fliehen und durch die Kunst und auch durch ihren eigenen dekadenten Lebenswandel dem bösartigen Alltag zu entkommen. Doch wenn in Cabaret die Monster von außen kommen, wie fremde, unheilvolle Wesen, gegen die gerade die Ausländer Sally und Clifford nichts unternehmen können, so sind in Chicago die Hauptfiguren selbst die Monster, selbstgerecht und glücklich, und am Ende nur besorgt, ihre eigene falsche Welt ins Rampenlicht zu bringen.
vlcsnap-2015-03-20-09h33m45s30Wenn Roxie vor einem eingebildeten Publikum ihre Show abzieht und von dem Mord an ihrem Liebhaber erzählt, so ist das durchaus vergleichbar mit dem jungen Nazi, der stolz über seine Heimat singt.
„Who says that murder’s not an art?“
Der eigentliche Unterschied ist fein, aber eklatant: Wir sehen Roxie als Protagonistin, ja als Identifikationsfigur. Der Hitlerjunge, der Wuchs des Nazi-Regimes dagegen ist etwas, was wir im Film ausschließlich von außen wahrnehmen, als ein bösartiges und immer weiter wachsendes Geschwür. Denn so sehr Sally in moralisch zweifelhaften Farben gezeigt wird, sie und auch Clifford sind doch immer ganz klar von der Schuld des drohenden Schattens entfernt.

vlcsnap-2015-03-20-09h25m34s253In Cabaret nutzen die Figuren ihre Dekadenz, ihre Amoral und auch die Musik als Schleier, um die böse Wirklichkeit von sich selbst abzuhalten – ein Schleier, der notgedrungen Stück für Stück immer weiter verblassen muss. In Chicago dagegen ist das Show-Dasein ein Schleier, mit dem die Mörderinnen sich selbst verhüllen, und das so perfekt, dass es sogar für uns, das Publikum, das den gesamten Prozess doch mitbekommen hat, wirkt.
Es ist eine interessante, fundamentale Unterscheidung, die dafür verantwortlich ist, wie wir Zuschauer die beiden Musicals wahrnehmen. Denn so ähnlich Cabaret und Chicago auf den ersten Blick wirken, so sind sie in ihrer Zuschauerwirkung doch geradezu gegensätzlich.
Cabaret ist geprägt von einer düsteren, zunehmend depressiven Stimmung, die selbst die fröhliche Musik in eine absolute Farce verwandelt – eben weil die drohende Gefahr um die Figuren herum allgegenwärtig ist. Chicago dagegen schafft es, trotz aller Schwere und Morbidität der Handlung als reines Gute-Laune-Musical zu wirken; der Zuschauer amüsiert sich köstlich dabei, der Riege von reulosen Mörderinnen zuzuschauen. Billy Flynns etwas schmerzliches Lachen in der letzten Szene, während Velmas und Roxies Auftritt, ist die einzige Stelle, wo der Kontrast vielleicht ein wenig herausscheint – und selbst da ist und bleibt es ein Lachen, und wir feiern mit ihm wie Roxie Hart und Velma Kelly ihre Maschinenpistolen endlich auf offener Bühne auspacken dürfen

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Man sollte annehmen, dass Chicago anzuschauen den Charakter eines „Guilty Pleasure“, eines etwas schuldigen Vergnügens hätte, und dass es sich eben nicht so anfühlt, ist nur ein Beweis dafür, wie gut das Musical wirklich ist. Es ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass man die Zuschauer mit den richtigen Mitteln auf jede Seite ziehen kann – etwa so, wie Billy Flynn es in Razzle Dazzle ja selbst anschaulich besingt.
Natürlich spricht am Ende nichts dagegen, dem Zuschauer auch seinen dunkleren Humor zu gönnen und ich selbst liebe diese schwarze Komödie ja heiß und innig. Ich gebe zu, dass mir Chicago anzuschauen weit mehr Spaß macht als Cabaret. Und gerade deswegen finde ich es spannend, zu untersuchen, woran genau das liegt – wie diese beiden Musicals, die auf den ersten Blick in ihrem Aufbau so vergleichbar scheinen, es schaffen, die Zuschauer auf zwei geradezu gegensätzliche Reisen zu führen.