Um all den Kritiken, die im Internet herumschwirren, noch mein eigenes Statement hinzuzufügen: Ich finde das Konzept der Marvel-Filmreihe ein mutiges Unterfangen, das die Zuschauer erstaunlich ernst nimmt und alleine dafür seinen Erfolg verdient hat. Für mich ist Avengers: Age of Ultron genau, was er sein sollte, ein kurzweiliger, rasanter Popcorn-Streifen. Und speziell Black Widow halte ich für eine ausgereifte, vielschichtige Action-Heldin, bei der ich mich über jeden zusätzlichen Auftritt freue.
Und dennoch habe ich momentan gewaltige Angst vor der Möglichkeit eines eigenen Black-Widow-Films.

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Um mich deutlicher auszudrücken: Ein gut gemachter Film um Natasha Romanova, der seine Hauptfigur ernst nimmt und sich qualitativ an die anderen Marvel-Filme anlehnt, wäre ein absoluter Traum. Black Widow liefert definitiv genug Material für ihre eigene Geschichte und genügend Ausstrahlung, einen eigenen Film zu tragen – immerhin ist sie das einzige Avengers-Mitglied, das nun bereits in zwei der Filme ihrer Kollegen als wichtige Nebenfigur (oder gar weibliche Hauptfigur) brillierte. Hätte Black Widow vor dem Kinostart von Avengers bereits ihren eigenen Film bekommen, so bin ich zuversichtlich, dass es mein persönlicher Favorit der Serie geworden wäre. Aber mittlerweile sieht die Lage etwas anders aus.
Black Widow ist die einzige Frau unter den Avengers, und insbesondere in dieser Rolle steht sie in einem enormen Fokus. Trotz ihrer Popularität bleibt sie nicht nur (neben dem im ersten Film sträflich unterentwickelten Hawkeye) das bislang einzige Avengers-Mitglied ohne eigenen Film, sondern auch die einzige Hauptfigur, die bis heute in vielen Merchandise-Produkten und Spielsets fehlen muss.
Sie spielt die klassische Rolle der Quotenfrau, die heute von einer derartigen Gruppe erwartet wird, und dieser Status nimmt eine so gewichtige Rolle ein, dass ihre eigene Persönlichkeit, ihre Fähigkeiten und Schwächen dadurch zum großen Teil in den Schatten gestellt werden. Mehr noch als die Kämpferin und Heldin ist Black Widow „die Frau“ in der Gruppe – und dieser Status ist sowohl den Machern der Filme als auch gerade dem Publikum mehr als bewusst. Die Lage sähe wohl anders aus, wenn Natasha von Anfang an in ihrem eigenen Film aufgetreten wäre und sich somit hätte etablieren können, aber nun ist ihre Funktion als „die Avengers-Frau“ im allgemeinen Bewusstsein festgefahren.

Und ebendieser Fokus, der Black Widow unfreiwillig in ein ganz spezielles Rollenbild drückt, ist nun schuld an einer Menge unverdienter, überspitzter Kritik.
url Das beginnt bei den üblichen, oft paradoxen Rufen – Natasha sei zu weiblich und verführerisch, sie sei zu kalt und zu wenig feminin, oder auch zu sentimental und verkitscht – bis hin zu den großen Handlungspunkten, die in Frage gestellt werden: Wie kann man es wagen, jetzt in Bezug auf Natashas Mutterinstinkte die Trauma-Karte zu ziehen, und wie kann sie in ihrer Beziehung zu dem Hulk nur so auf die klassische Frauenrolle „reduziert“ werden. All diese Vorwürfe scheinen zu vergessen, dass Natasha als eigene und eigenständige Figur schlichtweg das Recht auf eine eigene Persönlichkeit und einen Handlungsbogen hat – sie steckt so voll eigenem Leben, dass sie es sich nicht leisten kann, den Vorstellungen einer Schar pseudo-feministischer Kinobesucher entsprechen zu müssen.
Widow_cap Und ganz absurd wird es dann, wenn diese Kritiken an Black Widows Charakterisierung mit einem Mal aus dem eigenen Team erklingen: Hawkeye-Darsteller Jeremy Renner hat gemeinsam mit seinem Kollegen Captain America in einem Interview zum zweiten Avengers-Film gewitzelt, Black Widow sei eine „Schlampe“ und eine „absolute Hure“. Problematisch wurde es, als er, anstelle den offensichtlichen Witz zurückzunehmen, auf seinen Worten bestanden hat und seine Aussage noch spezifizierte:
„Weißt du, ich habe da über eine fiktionale Figur mit fiktionalem Verhalten geredet. Aber, Conan, wenn du mit vier von den sechs Avengers schlafen würdest, egal wie viel Spaß du dabei hast, dann wärest du eine Schlampe. Ich mein‘ ja nur. Ich wäre eine Schlampe.“
Nein, dem ist nicht so! Zum einen, selbst wenn Black Widow mit allen Avengers gleichzeitig schlafen würde (und meines Wissens nach ist es noch zu keiner einzigen Romanze gekommen), dann wäre sie keine „Schlampe“ – es wäre ihr gutes Recht, und es gibt keinen Grund, irgendjemanden aufgrund eines gesunden, einvernehmlichen Sexlebens an den Pranger zu stellen.
Und zweitens: Nein, Hawkeye wäre keine Schlampe, ganz egal was er treibt, denn er ist ein Mann. Männer werden für die Art offener sexueller Kontakte, die er Black Widow (ungerechtfertigter Weise) unterstellen will, nicht verachtet, sie gewinnen dadurch nur an Ansehen. Ich zumindest habe nicht eine Stimme gehört, die Tony Stark für seine Ausschweifungen in den ersten beiden Iron-Man-Filmen verurteilen würde.

url (2)Aber es ist eben ganz gleich, was Natasha in den Filmen nun treibt (oder auch nicht treibt), sie wird mit jedem Veralten irgendeine Art von Kritik auf sich ziehen. Das ist kein eigentliches Problem an sich; Black Widow ist eine geniale Figur, die sich längst eine riesige Fanbasis geschaffen hat. Das Problem fängt genau an der Stelle an, wo die Filmemacher und Disney beginnen, auf die lauten Kritikerstimmen zu hören.
Und hier sind wir wieder bei der Angst, die mich bei der Vorstellung von einem Black-Widow-Film ergreift. Denn die ganze Problematik, die paranoide Hetzerei erinnert mich nur zu sehr an einen anderen Disney-Film, der allzu bemüht versucht hat, die kritischen Stimmen zu beruhigen. Ich rede von der Froschprinzessin, oder, weil dieser Name aus Angst vor einer hineininterpretierten Frankreich-Feindlichkeit(?!) abgelehnt wurde, von Küss den Frosch.
Die Froschprinzessin ist für mich ein netter, gut gemachter Film. Es ist kein grandioses Meisterwerk, sondern eine optisch wunderschön gestaltete Rückbesinnung auf klassische Zeichentrickfilme.
princess-and-the-frog-disneyscreencaps.com-6593 Das mit Abstand größte Problem des Films besteht für mich ganz klar in der Charakterisierung der Hauptfigur: Tiana ist schlichtweg eine nette, aber allzu uninteressante Figur, um diesen Film emotional zu tragen. Und wenn ich uninteressant sage, so kritisiere ich nicht ihre gesunde, bodenständige Art: Weder Belle, noch Pocahontas oder Mulan hatten das ausgeflipptere Wesen jüngerer Disney-Prinzessinnen nötig; sie alle waren in ihrem Charakter eher ruhig und bedacht, und bleiben darin doch großartige Figuren.
Tiana dagegen ist nicht einfach bodenständig gezeichnet, sie ist kantenlos. Sie hat den Film über einen einzigen Antrieb, und der ist mit der Erfüllung des Traums ihres Vaters so brav und regelkonform geraten, wie er es nur sein kann. Auch ihr Umgang mit den klassischen Disney-Klischees ist so glatt und rein nach der Maßnahme „nur niemand beleidigen“ geschaffen, dass er schlichtweg völlig uninteressant wird: Tiana will nicht an Wunschsterne glauben, doch zur Not tut sie es. Sie will keine Frösche küssen, sich in keinen Prinzen verlieben, aber wenn die Gegebenheiten es verlangen …

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Woran liegt nun diese auferzwungene Mittelmäßigkeit der Figur? Die Antwort ist einfach; man wollte mit der Figur so wenig Kritik wie möglich provozieren. Tiana war die erste schwarze Disney-Prinzessin, und damit stand sie in einem starken weltweiten Fokus. Statt diese Aufmerksamkeit zum Anlass zu nehmen, nun eine großartige Figur zu schaffen, die möglichst vielen Zuschauern ans Herz wachsen sollte, hat man den gegenteiligen Weg beschritten; man wollte so wenig Anlass zur Kritik wie möglich bieten.
Und an Kritik zu dem Film hat es schon in der Produktionsphase nicht gemangelt. Tiana durfte keinen schwarzen Prinzen bekommen, da sonst Segregations-Vorwürfe laut werden könnten. Sie durfte keinen weißen Prinzen haben, da es ein schlechtes Bild an schwarze Mädchen und insbesondere schwarze Jungen geben könnte, wenn nur ein weißer Prinz ein „begehrenswerter“ Prinz ist. Tiana durfte kein Zimmermädchen sein, da sie sonst falsche Rollenklischees unterstützen würde. Aber auf der anderen Seite durfte die Lage der schwarzen Bevölkerung im New Orleans der 20er Jahre nicht bagatellisiert werden.
princess-and-the-frog-disneyscreencaps.com-10527 Es war ein unglaublicher Eiertanz, den Disney für diesen Film auf sich genommen hat. Und sie haben ihre Aufgabe unter den gegebenen Umständen gar nicht so schlecht gemeistert – aber nichtsdestotrotz leidet nun der gesamte Film unter einer bemühten, geradezu zwanghaften Abgeschliffenheit. Tiana ist nicht überdreht, sie ist schlichtweg nichts (außer vielleicht arbeitswütig), um nur ja keine falschen Rollenbilder zu schaffen. Und dennoch gelang es ihr immer noch, genügend alberne Kritiken aufzuwecken – ob es nun ihr im Dienstgewerbe verankerter Traum ist, oder die Tatsache, dass sie gerne Tabasco-scharfes Gumbo kocht. Man fragt sich, wofür Disney sich all die Mühe eigentlich gemacht hat.
Am deutlichsten wird Tianas Aussagelosigkeit am Gegenbeispiel ihrer überdrehten Freundin Lottie. Bei Lottie handelt es sich um eine reine Parodie, eine liebenswerte Hommage an die klassischen Disney-Fans – und gleichzeitig ist sie ein absolutes Klischee der weißen Oberschichten-Frau. Ein solches Klischeebild wäre bei jeder andersfarbigen Gruppe völlig unmöglich, doch in diesem Falle scheint die Archetypisierung erlaubt. Und das Ergebnis ist eine Frau, die geradezu vor Leben bebt: Lottie ist eine grandiose Figur, einmalig, witzig, albern und doch zutiefst liebenswert. Sie ist die quietschrosa Tapete, vor der die realistische, bodenständige Tiana nur noch flacher erscheint.

Das Problem, um das es hier geht, betrifft generell jede Minorität. Eine einzelne schwarze Figur, eine einzelne Frau unter Männern muss einfach implizit als Platzhalter herhalten, statt als eigenständige Figur gesehen zu werden – und als solche sind die Filmmacher eben bemüht, keinerlei unliebsame Implikationen in die Figur einfließen zu lassen. Der Haken an der Sache ist nur, dass dabei dann auch kaum eine besonders eigene oder gar einmalige Figur entstehen kann.
Man stelle sich vor, Jack Sparrow wäre schwarz – die Vorwürfe, die sich diese Figur dann in ihrem Rassismus und in ihrer Stigmatisierung machen lassen müsste, sind kaum auszudenken. Oder man denke an eine schwarze Mary Poppins, und an die Vorwürfe einer „magic negro“-Klischeedarstellung, die diese Figur sich verdienen würde.
Ich denke, eben diese Problematik ist schuld, dass es vergleichbar wenige herausragende fiktionale Figuren gibt, die Minoritäten entstammen.
Und am allerschwierigsten ist die Sache eben, wenn die entsprechende Figur ein einzelner Platzhalter von einem großen Franchise ist, wie die Disney Princesses oder Marvel. In dieser Hinsicht meint Disney einfach, sich keinerlei größeren Skandal erlauben zu dürfen, und spielen deshalb lieber sicher – auch wenn völlig klar ist, dass Figuren wie Black Widow oder Tiana am Ende ja doch ob jeder Kleinigkeit angefeindet werden müssen.

princess-and-the-frog-disneyscreencaps.com-3065Was kann man gegen diese Problematik tun?
Ich denke, Disney hat, was Die Froschprinzessin angeht, einen großen Fehler gemacht: Sie haben Tiana vollkommen alleine ins Rennen geschickt. Die Scheinwerfer, die auf Tiana gerichtet waren, waren riesenhaft; sie war die erste schwarze Prinzessin im allergrößten Franchise der Welt, eine Figur, die von schwarzen Mädchen auf der ganzen Welt seit Jahrzehnten sehnlichst erwartet wurde. Und diese enorme Verantwortung musste Tiana vollkommen alleine tragen – eine geradezu hoffnungslose Aufgabe.
Eine Alternative wäre beispielsweise gewesen, die Verantwortung schlichtweg auf zwei Figuren zu teilen, zum Beispiel auf ein Eiskönigin-artiges Schwesternpaar. In diesem Fall hätten beide Mädchen es sich leisten können, ein paar eigene Charakterzüge und Marotten zu entwickeln, und damit nicht gleich als alleinige Darstellung der „Schwarzen Disney-Prinzessin“ dastehen zu müssen. Mit einem Schlag hätte die gesamte Problematik behoben werden können – und man hätte mit einer weiteren schwarzen Prinzessin für zusätzliche Diversifizierung gesorgt. Ein Gewinn für alle.

vvvd0rmz43bfklhh3lufIm Marvel-Filmuniversum bietet sich Disney nun die Möglichkeit, diesen Fehler nicht zu wiederholen. Hätte es irgendwann in der Zeit seit Avengers einen Black-Widow-Film gegeben, so stünde Natasha als einziger weiblicher Superheld, alleine im großen Rampenlicht. Alle Verantwortung einer klischeefreien Frauendarstellung hinge alleine an ihr – eine Aufgabe, die unmöglich ohne größere Kritik (oder Charaktereinbußen) zu schaffen ist.
Aber es gibt einen Weg um diese Problematik herum, und Marvel hat bereits den ersten Schritt getan: In Avengers: Age of Ultron wird die Riege der Superhelden durch eine neue Frau erweitert. Auch wenn Scarlet Witch die erste Hälfte des Films noch als Bösewicht verbracht hat, und wenig Gelegenheit zur eigenen Charakterisierung hatte, so ist doch das Potenzial für eine weitere spannende Frauengestalt im Marvel-Universum vorhanden.
Sollen die Filmemacher Scarlet Witch in ihrer Charakterisierung Zeit geben, soll sie in einem anderen Avengers-Film, oder auch in anderen Marvel-Filmen Gelegenheit haben, sich und ihre Rolle zu beweisen. Sollen noch andere Frauengestalten hinzukommen, um das Marvel-Universum homogener werden zu lassen. Sollen sie Black Widow die Last, als einziger weiblicher Rollenträger zu fungieren, langsam aber sicher von den Schultern nehmen.
Und dann, wenn Black Widow nicht „die Marvel-Frau“ ist, sondern einfach nur eine coole Figur, dann soll Disney ihr endlich ihren eigenen Film geben. Dann kann Natasha sich endlich austoben, mit all der spannenden, mehrdimensionalen Charakterisierung, die man ihr hat zukommen lassen.

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