Die Filme von Tim Burton tragen im Allgemeinen eine höchst eigene, eindeutige Handschrift, mit einem extrem hohen Wiedererkennungswert. Wem der morbide Stil, die düsteren Bilder und die allgegenwärtigen Streifenmuster nicht genügen, die Arbeit des Regisseurs zu erkennen, der mag nach ganz speziellen Rahmenbedingungen Ausschau halten, wie den ätherischen Klängen Danny Elfmans oder der Zusammenarbeit von Johnny Depp und Helena Bonham Carter. Es gibt nur wenige Burton-Streifen, die diese Gesetzmäßigkeiten durchbrechen; ob nun das Superhelden-Franchise Batman oder der Kinderbuchklassiker Charlie und die Schokoladenfabrik, Burton hat es geschafft, den verschiedensten Ausgangswerken seinen höchsteigenen Stempel aufzudrücken.

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Burtons neuester Wurf Big Eyes dagegen ist nun – anders. Es handelt sich um ein traditionelles Biopic, das Schicksal der jahrelang von ihrem Mann unterjochten Malerin und Zeichnerin Margaret Keane. Und anders als Ed Wood, Burtons früheres Werk, das ebenfalls die reale Lebensgeschichte eines von ihm verehrten Künstlers erzählt, fühlt sich Big Eyes erstaunlich normal an. Es ist eine ernsthafte Schicksalsbeschreibung, mit einem Hang zum Tragikomischen, die doch weder an Burtons sonstige morbide Note heranreicht, noch seinem Hang zum Grotesken Rechnung zu tragen scheint. Am ehesten ließe sich Big Eyes vielleicht mit Big Fish vergleichen, wobei jener Film doch zumindest auf verschmitzt-wunderlicher Ebene ganz im Geist seines Schöpfers verankert schien.
Eine andere auffallende Abweichung von der klassischen Burton-Formel findet sich darin, dass dieser Film gänzlich ohne Burtons Stamm-Schauspieler auskommt. Dass Johnny Depp und Helena Bonham Carter nicht da sind um die Hauptrollen zu übernehmen, ist auf den ersten Blick offensichtlich, aber auf in den kleineren Nebenrollen findet sich nicht ein Schauspieler, der bisher schon mit Burton zusammengearbeitet hat – und in dieser Eigenschaft stellt Big Eyes eine echte Premiere dar.
Diese mit Sicherheit sehr bewusst getroffene Casting-Wahl wirft zusammen mit dem auffallend zurückhaltenden Stil klar die Frage auf, ob Big Eyes für den Meister des Grotesken ein bewusster Neuanfang ist. Hat Burton nun, auf der Suche nach einer neuen, seriöseren Stilrichtung, endgültig seine Kanten verloren?

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Diese Illusion wird meiner Meinung nach bereits im Vorspann des Films subversiert. Der Film beginnt mit einem von Keanes bekanntesten Gemälden, unterlegt von einem Elfman-Score, der auf den ersten Blick ebenso gewöhnlich und nicht „Burton-haft“ klingt, wie der gesamte Stil des Films. Es sind ruhige Klänge, mehr unterhaltend als Stimmungs-treibend, die so von jedem durchschnittlichen Komponisten geschrieben sein könnten.
Doch während die Bilder des Vorspanns sich entwickeln, während wir sehen, wie aus einem großäugigen Mädchen dank moderner Druckverfahren hunderte werden, ändert sich auch die Musik. Zuerst nicht stark, und nicht so sehr, dass es die Stimmung der Szene berühren würde; die zu Beginn beinahe beliebigen Klänge erfahren nur einen leichten drängenden Touch. Und während der Vorspann weiter läuft, wird dieser Touch drückender, die Musik wird treibend und schließlich geradezu manisch – ohne dass sich das simple, nichtssagende Grundthema dabei geändert hätte. Es wirkt beinahe wie der Versuch, einen ganz „normalen“ Soundtrack für die Szene zu kreieren, der Elfmans (und damit auch Burtons) spezielle Fähigkeiten für den flüchtigen Beobachter gut versteckt in sich birgt.
Dieser Vorspann birgt meiner Meinung nach den Schlüssel für den gesamten Stil des Filmes. Man kann Big Eyes als ganz gewöhnliches Biopic sehen, als die dramatische Lebensgeschichte einer übervorteilten Frau – und dieses stringent erzählte Familiendrama funktioniert an sich wunderbar. Doch wer von Big Eyes enttäuscht ist, weil er in diesem Film nicht den „klassischen Burton-Stil“ wiedererkennen mag, dem rate ich, schlicht genauer hinzuschauen und die unterschwelligen Anzeichen zu erkennen.

Das beginnt direkt mit dem gesamten Thema des Films. Burtons Filme haben unter anderem deshalb einen so gut wiederkennbaren Stil, weil Tim Burton gewöhnlich nur Filmthemen aufgreift, die ihn selbst persönlich interessieren – und dieses Interesse führt dann meist automatisch zu einer gemeinsamen Linie. Auch dieser Film behandelt ein Thema, dass Burton ganz offensichtlich am Herzen liegt, und das sind die Bilder, beziehungsweise der Zeichenstil von Margaret Keane.
tim-burton-lisa-marie-margareth-keane-portrait Burton selbst ist seit langem ein Bewunderer und eifriger Sammler von Keanes Kunst, und der Grund dafür ist nicht schwer zu erkennen. Betrachtet man Burtons eigenen, unverwechselbaren Zeichenstil, der insbesondere in seinen Stop-Motion-Filmen direkt zum Einsatz kommt, so ist die Verwandtschaft zu den Bildern von Keane nicht zu verkennen. Die gleichen trauernden Blicke, die gleichen morbiden Szenerien und natürlich die gleichen, ins Skurrile übersteigerten großen Augen. Schwer zu sagen, ob Keanes Stil Burton nun mitinspiriert hat, oder ob er sich in den Bildern nur wiederfinden kann, auf jeden Fall ist Burton ein langjähriger Verehrer, und er hat bei Margaret Keane schon vor vielen Jahren ein Bild seiner damaligen Freundin und Stammschauspielerin Lisa Marie in Auftrag geben lassen. Es ist also keine Frage, dass dieser Film für Burton ein sehr persönliches Thema bedeutet – auch wenn die Ausarbeitung einige Facetten des Regisseurs zutage bringt, die die Zuschauer so vielleicht noch nicht gesehen haben.

Leah Gallo & The Weinstein CompanyUm Margaret Keanes Lebensgeschichte angemessen auf die Leinwand zu bringen, hat Burton für den Film eng mit der Malerin zusammengearbeitet. Oder, wie Keane selbst es augenzwinkernd ausdrückte: „Wissen Sie, eigentlich habe ich selbst Regie geführt, und er gibt es nun nur als sein Werk aus!“
Die meisten der Szenen halten sich ganz direkt an Keanes Berichte und ihre Erinnerungen. In den wenigen Fällen, in denen man sich entschloss, von den gesicherten Fakten abzuweichen, geschah das eher aus Sorge, dass die Zuschauer dem Film die Geschichte schlicht nicht abnehmen würden – wie zum Beispiel in der Szene vor Gericht, wo Walter sein Spiel in Wirklichkeit so weit trieb, dass der Richter ihm schließlich einen Knebel androhen musste.
Die Kehrseite dieser direkten Zusammenarbeit mit Margaret Keane liegt natürlich darin, dass der Film ganz bewusst ausschließlich ihre Seite der Geschichte erzählt. Dabei geht es mir gar nicht um die (mittlerweile wohl ausreichend geklärte) Frage der Urheberschaft von Keanes Bildern, sondern viel mehr um das direkte Zusammenspiel der beiden Eheleute. Ich will Margaret Keane gerne glauben, dass ihr Mann ein brutaler, missbrauchender Ehemann war, der sie über Jahre hinweg eingeschüchtert hat, und trotzdem – in jeder Geschichte gibt es eine Gegensicht, so schwach und eigenkonstruiert sie auch klingen mag. Für eine biographisch erzählte Geschichte spürt man dem Film für meinen Geschmack einfach ein wenig zu stark an, dass er alleine auf den Erinnerungen einer verletzten Ehefrau basiert.

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Wenn diese einseitige Darstellung am Ende doch gemildert wird, so ist das alleine dem genialen Casting von Christoph Waltz als Walter Keane zu verdanken. Dieser Schauspieler ist für den Film und die Rolle ein absoluter Glücksgriff. Er ist der ideale Typ, um den anfangs rein charmanten Liebhaber und Geschäftsmann darzustellen, der sich erst Stück für Stück als der brutale Betrüger entpuppt, der er in Wirklichkeit ist. Bei keinem Schauspieler außer Waltz könnten die Zuschauergefühle so nahtlos von „ihn lieben“ zu „lieben, ihn zu hassen“ übergehen. In seiner leicht stilisierten, und doch immer detailgetreuen Darstellung Walters vermag sich Waltz perfekt in klassische die Riege von leicht übersteigerten, überrealen Figuren einzureihen, die Burtons Filme seit jeher bevölkern. Außerdem schafft Waltz mit seiner großspurigen, immer leicht übersteigerten Performance den perfekten unwirklichen Touch, der die sonst so real gezeichnete 50er-Jahre-Welt mit dem Stil des Burton-Universums verbindet.
02903c933c127cfab5ecbb539113345a1d92b86e Es ist eine zarte Verbindung, und doch ist sie allgegenwärtig, sie durchdringt den Film auf ebenso eindringliche Weise wie die immer wieder aus dem Schema fallenden Klänge Elfmans. Die gesamte übersteigerte Kunstwelt, die im Film so überzeugend gezeichnet ist, die Welt der Ausstellungen und Ateliers, der Galeristen und Nachtclubbesitzer, all das gibt dem Film eine unverkennbar absurde Note, realistisch gezeichnet, und dennoch durchdrungen vom Geist einer Burton’schen Scheinwelt. Und diese Scheinwelt wird nicht zuletzt aufrechterhalten durch die allgegenwärtigen großen Augen der Keane’schen Bilder – diese charakteristischen, und dabei so an Burtons eigenen Stil erinnernden Augen durchdringen den gesamten Film, ganz als wären sie ein direkter Avatar für Burtons und Keanes vereintes Schaffen.

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Es besteht kein Zweifel, dass Big Eyes ein für Burton mehr als ungewöhnlicher Film ist. Der Film ist vielleicht etwas erwachsener, und in vieler Hinsicht auch ernsthafter, als die typischen Werke des Regisseurs – doch Ernsthaftigkeit ist in diesem Fall kein Anzeichen für Banalität.
Ich denke nicht, dass Burtons absurder Geist in diesem Film fehlt. Big Eyes stellt für den Meister des Grotesken sicherlich in vieler Hinsicht ein neues Terrain dar, doch das Ergebnis ist deswegen nicht unbedingt konservativer, sondern in vieler Hinsicht sogar vielseitiger.
Ich persönlich bin gespannt, wie sich dieses neue Handwerkszeug in Burtons weiteren Filmen noch auswirken mag – allen voran seinem nächsten Projekt Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, eine Buchverfilmung, die Burtons übliche Skurrilität mit Sicherheit nicht missen wird.