Bei Kunstwerken, die als für alle Altersklassen geeignet gelten, unterscheide ich meist in zwei Kategorien: Es gibt an Erwachsene gerichtete Werke, die so allgemeingültig erzählt sind, dass sie auch Kinder ansprechen, und Kinderwerke, die so grandios sind, dass sie auch Erwachsenen gefallen. Ersteres sind für mich die hochphilosophischen Romane von Michael Ende, zweiteres die farbenprächtigen Zauberwelten von Astrid Lindgren.
Was Pixars neuestes Werk angeht, so findet sich Alles steht Kopf ganz klar in der zweiten Gruppe wieder. Es ist ein Kinderfilm durch und durch, und dabei ist er so perfekt, dass er ohne Probleme ein universelles Publikum anspricht.

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In den letzten Jahren wird von Animationsfilmen zunehmend erwartet, für alle Altersgruppen interessant zu wirken. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass viele Animationsstudios krampfhaft versuchen, eine gewisse Quote Erwachsenenhumor in ihre ansonsten eher simpel gehaltenen Filme einzustreuen – Szenen, die an den jüngeren Zuschauern vorbeifliegen, die aber gerade ausreichen, die erwachsenen Begleitpersonen bei der Stange zu halten.
Pixar hat sich selten dazu herabgelassen, dieser albernen Mode zu folgen, aber trotzdem ist Alles steht Kopf in seiner übergreifenden Ehrlichkeit, was Aussage und Intention angeht, ein erholsamer Einschub in die verkrampfte, oft allzu sehr auf Vermarktbarkeit fokussierte Filmszene. Alles steht Kopf versucht nicht bemüht „für alle Zuschauer“ da zu sein. Es ist ein schlichter, geradliniger Kinderfilm, der sich nicht schämt, sein Publikum aus ganzem Herzen anzusprechen. Und das tut der Film so offen, so ehrlich und bedachtvoll, dass er dabei gleichzeitig wie nebenher jedes Erwachsenenpublikum voll und ganz verzaubert.
Bing_Bong_crying Ja, es gibt die Ausreißermeinungen einiger erwachsener Pixar-Fans, die mit dem Film nichts anfangen können und Threads eröffnen mit der Frage „Wie kann ein erwachsener Mann diesen Film mögen?“. Aber diese Einzelfälle werden bei weitem überstimmt von der überragenden Masse an Fans, die ganz und gar in dieser bildlich gemachten Kinderwelt aufgehen. Alles steht Kopf ist ein Film, der sein Publikum wohl so buchstäblich wie selten in das eigene „innere Kind“ hineinversetzt und dabei Probleme anspricht, die so universell und alterslos sind, wie es sich für einen wahren Klassiker gehört. Es geht um große menschliche Themen, um die Gefühle eines jungen Mädchens, und damit die Gefühle, die sich in jedem Menschen widerstreiten. Es geht um Freude und Kummer, und darum, wie jeder von uns mit seinen widerstreitenden, positiven und negativen Emotionen umgehen muss.

10_03_15_03_ntsAber Alles steht Kopf begeht nicht den Fehler, sich in seinen eigenen psychologischen Überlegungen zu verlieren. Es ist zuallererst ein grandioser Film, mit großartigen Figuren, die ideal geeignet sind, den inneren Widerstreit der Gefühle anschaulich und amüsant darzustellen. Über Ekel habe ich hier schon einen eigenen Artikel geschrieben, und ansonsten sind die vielen von Disney veröffentlichten Featurettes wunderbar geeignet, den naiven Charme und den grandiosen Humor des Films anschaulich wiederzugeben:

Dabei ist zu bemerken, dass dieser Film keinerlei Bösewicht-Figur enthält. Entgegen erster Überlegungen, ein zusätzliches antagonistisches „Schlechte-Laune-Gefühl“ einzubauen, werden im fertigen Film alle Emotionen in einem generell positiven, ultimativ hilfreichen Licht gezeichnet. Das Zusammenspiel der Gefühle, positive wie negative, wird durchweg als ein bemüht konstruktives dargestellt, und gerade die inneren Szenen von Rileys Mutter und Vater zeigen, dass auch andere leitende Emotionen als nur die kindliche Freude zu einem gesunden, vollwertigen Charakter führen können. Die Figur im Film, die stellenweise am ehesten eine negative Funktion einnimmt, ist schließlich ausgerechnet die dedizierte Protagonistin und positive Emotion Freude selbst.

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Das Fehlen eines klassischen Antagonisten ist nur einer der Punkte, die Alles steht Kopf mit vielen der handlungsmäßig simpler gehaltenen früheren Pixar-Filme gemein hat.
Ich muss zugeben, dass ich persönlich kein großer Pixar-Fan bin. Ich liebe Merida, den ich (wie schon dargestellt) als höchst Pixar-ungewöhnlichen Film empfinde und ich schätze viele der späteren Werke des Studios hoch ein, aber gerade mit den früheren Filmen, die einst maßgeblich dazu waren, den Stil des Filmstudios zu definieren, kann ich vergleichsweise wenig anfangen.
Woody_Toy_Story Nun wird Alles steht Kopf gerne mit Pixars Erstlingswerk Toy Story verglichen, und die Parallelen der beiden Filme sind unverkennbar. Beide Filme lagern die inneren Konflikte eines wachsenden, sich entwickelnden Kindes aus, auf den offenen Streit seiner Spielzeuge beziehungsweise Emotionen, und enden mit einer verträglichen Botschaft der Versöhnung und Zusammenarbeit. Aber während Toy Story diese Ideen nur grob anreißt und sich stattdessen viel mehr auf sein eigenes Abenteuer konzentriert, bilden in Alles steht Kopf innere und äußere Handlung eine unzertrennliche Kombination. Rileys innere Reise ist ganz direkt mit dem actionorientierten Road-Movie ihrer Emotionen verbunden; die äußere Welt des Kindes steht und fällt mit dem Erfolg und der Zusammenarbeit ihrer Emotionen. Auch das Ende von Alles steht Kopf ist dem vergleichsweise belanglosen Happy End von Toy Story unendlich überlegen: Statt in einer glücklichen Vereinigung klarzumachen, dass alle zugrundeliegenden Kontroversen eigentlich ganz unnötig waren, wird der Hauptkonflikt von Alles steht Kopf auf vielleicht vorhersehbare, aber dennoch beeindruckend erwachsene und realistische Art und Weise aufgelöst. Es gibt kein Happy End trotz, sondern gerade wegen der bestehenden Konflikte.
Insgesamt kommt mir Alles steht Kopf wie der Film vor, der Toy Story vielleicht hätte sein wollen, wenn die erzählerischen Fähigkeiten der Film-Schaffenden zu jener Zeit schon so weit entwickelt gewesen wären.

Gerade die früheren Pixar-Filme haben meist gute Ansätze; es gibt tiefe Themen, die in den Filmen verwertet werden und als Hintergrund für den simpleren, handlungstreibenden Konflikt dienen. Aber in den meisten dieser Filme scheint etwas zu fehlen; die Ausführung der plastischen Ideen kommt selten an die Intentionen heran, und am Ende sind die Ergebnisse eher simple Filme, die an ihren eigenen Möglichkeiten scheitern.
p1188952830-3Alles steht Kopf ist dagegen ein Film, der seine eigene, simple Ur-Idee auszubauen und perfekt zu verwenden versteht. Das Zusammenspiel aus zugrundeliegendem Konflikt und offensichtlicher Handlung gelingt, und bei allem Feinschliff kommt die eigentliche Idee der widerstreitenden Gefühle im fertigen Film perfekt zur Geltung.
Das hier ist für mich das Idealbild eines wahren Pixar-Films: Ein Film, der auf einem klaren, intuitiven Grundprinzip basiert, und der diese Idee in eine grandiose, perfekt umgesetzte Geschichte umzuwandeln weiß. Das Studio hat sich von den Anfängen seiner Karriere auf geradem Wege hierher entwickelt, so als sei es sein einziges Ziel gewesen, nun dieses Juwel zu schaffen.

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Es gibt in diesem Film zwei Szenen, bei denen mich die Tränen überwältigt haben, und gerade diese beiden Szenen zeigen für mich klar die wahren erzählerischen Qualitäten dieses Meisterwerks. Ohne viel zu verraten, will ich sagen, dass eine der Szenen in ihrer Handlung wirklich tieftraurig war, aber dennoch mit einem Lächeln aller Figuren gezeigt wurde. Die andere zu Tränen rührende Szene ist in ihrem Inhalt eigentlich nicht traurig, es ist eher einer der positivsten Momente des Films, und doch wird diese Szene mit weinendem Auge erzählt.
So leben die beiden intensivsten, rührendsten Szenen des Films beide aus ihrem widerstreitenden Zusammenspiel von Freude und Kummer – eben jenem Zusammenspiel, das den gesamten Kernkonflikt und Inhalt des Films ausmacht. Diese perfekte Abbildung von innerer und äußerer Handlung ist es, die den Film zu einem wahren erzählerischen Meisterwerk macht. Und diese ehrliche Kunstfertigkeit ist es auch, die Alles steht Kopf von einem simplen Kinderfilm zu einem Kunstwerk erhebt, dass alle Alters- und Publikumsgruppen verbindet.