Die bisherige Geschichte zwischen Pixar und Disney ist geprägt durch eine einzigartige Mischung von Zusammenarbeit, gegenseitiger Unterstützung und geschwisterlichem Konkurrenzdenken. Auch wenn die beiden Studios seit Pixars Entstehen eng miteinander verwachsen waren und seit einigen Jahren nun ganz offiziell dem gleichen Haus angehören, so hat das die einzelnen Animateure und Mitarbeiter doch nie daran gehindert, sich gegenseitig kritisch zu beäugen und auf den Prüfstand zu setzen. Gar mancher Pixar-Vertreter sieht das jüngere Studio gar als den wahren Weiterträger von Walt Disneys hehrem Erbe, dass sie gegen das bräsig gewordene Mutterstudio mit Händen und Füßen verteidigen müssen – eine Sicht, die auf Disney-Seite ganz und gar nicht geschätzt wird.
Diese (meist wohlwollenden) Zänkereien haben ihren Weg schon mehr als einmal in Pixars Filme selbst geschafft. In Die Unglaublichen gibt es gegen Ende eine Szene, in der Disney-Urgesteine Frank Thomas und Ollie Johnston in einem Cameo bezüglich der Incredibles bemerken: „So muss das gemacht werden. Das ist die alte Schule.“ Und im Filmplot von Ratatouille will sogar mancher eine Allegorie auf Walt Disney, den Niedergang seines Studios und Pixars mühsame Weiterführung seines Erbes sehen.

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Nun ist mit Alles steht Kopf der neuste Pixar-Film auf dem Weg in die Kinos, und da ich die letzten Wochen auf einer Reise durch die USA verbracht habe, hatte ich Gelegenheit, dieses neue Meisterstück bereits im Original zu sehen – und das an keinem geringeren Ort als dem El Capitan, Disneys hauseigenem Kinopalast auf dem Hollywood-Boulevard.
IMG_1087Es scheint wunderbar passend, dass ich an diesem geschichtsträchtigen Ort ausgerechnet einen Film sehen durfte, der nicht nur die Geschichte seines eigenen Produktionsstudios so perfekt weiterführt, sondern auch als jüngstes Werk der großen Disney-Familie ganz zweifelsohne seinen Mann steht. Alles steht Kopf (oder Inside Out, unter welchem Namen wir den Film gesehen haben), ist grandios, insbesondere darin wie er es schafft, alle Altersgruppen zusammenzuführen und einem erwachsenen Mann die gleiche Filmerfahrung zu schenken, wie er sie einem fünfjährigen Mädchen gibt.

Doch neben der allgemeinen Brillanz des Films gibt es eine Figur, die mich persönlich auf ganz besondere Weise anspricht. Ich muss zugeben, dass ich schon vor meinem Filmbesuch nur anhand des Posters entschieden habe, welche der fünf bunten Darsteller mich am meisten interessiert, und dass meine verfrühte Wahl zwar nicht auf eine Hauptfigur viel, sich aber dennoch voll und ganz als richtig herausgestellt hat. Es handelt sich um Disgust, oder nach deutscher Benennung, um Ekel:

Diese schillernde Gestalt, die vielleicht die am wenigsten eingängige der fünf dargestellten Emotionen ist, hat im Film nur eine kleine Rolle, aber das hält sie absolut nicht davon ab, jede Sekunde davon voll auszuspielen. Ob es nun um die geringen Regungen geht, mit denen die nur scheinbar misslaunige Dame ihr tiefes Interesse für „ihr Kind“ zeigt, oder um ihre pragmatische Art, zuzupacken und zu helfen, wo Not an der Frau ist, Ekel zeigt sich in allen Lagen als weit konstruktiver, als man es von ihrer desinteressierten Fassade erwarten würde.
IMG_1895Dass ich mit meiner Vorliebe für die grüne Lady nicht alleine dastehe, stellte sich spätestens eine Woche später heraus, als ich mich im nächsten Disneystore nach Merchandising-Produkten zu ihr umgesehen habe. Wie zu erwarten war nämlich der größte Disneystore von San Francisco mit jeder Art von Inside-Out-Franchise gut bestückt – bis auf Disgust, deren Puppen wirklich restlos ausverkauft waren.
IMG_1897Mit frisch gewecktem Trotz habe ich nun weiter über diese offensichtlich unerwartete Popularität der Figur nachgedacht, und es brauchte das vollgepackte Tinker-Bell-Regal zwei Meter weiter nicht, um mir klarzumachen, an wen mich Ekel mit ihrer unverstellten Art und ihrer zur Schau gestellten Unnahbarkeit erinnert. Doch gleichzeitig hat mich die Reihe von lächelnden, zuckersüß anmutenden Tinker-Bell-Figuren nur allzu sehr daran gemahnt, wie sehr Disneys grüne Aushänge-Elfe in den letzten Jahrzehnten unter ihrer zunehmenden Popularität gelitten hat.

1953, bei ihrem ersten, originalen Auftritt in Peter Pan, war Tinker Bell ein Phänomen, ein lebendiges, vor Emotionen schnaubendes Geschöpf, deren wütende Gefühlsausbrüche so überragend waren, wie ihre äußere Statur klein. Sie hat in diesem Film keine allzu vorteilhafte Rolle gespielt (ihr Pakt mit Käpt’n Hook war so beeindruckend, dass er seit diesem Film zum allgemeinen Peter-Pan-Kanon gehört), doch für die Beurteilung ihrer Figur war das am Ende vollkommen egal. Tinker Bell ist der (nicht allzu) heimliche Star des Films, ein glühendes Energiebündel, das den Zuschauer wenn nicht auf seine Seite zieht, so doch auf jeden Fall fasziniert und begeistert – und für mich persönlich ist sie das Einzige, was an dieser Peter-Pan-Version anschauenswert ist.
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Verfrühter Ruhm verdirbt den Charakter, das ist bei Zeichentrickfiguren kaum anders als bei realen Personen. Tinker Bells Popularität führte dazu, dass die kleine Elfe schnell zu einer der Hauptikonen der Disney-Studios aufstieg. Neben Micky Maus (der schon Jahre zuvor ein vergleichbares Schicksal erlitt) wurde sie zu einer Vorzeigefigur, und damit zu einer strahlenden kleinen Fee, die mit ihrem Zauberstab herumfuhrwerkte und keinen bösen Gedanken in ihrem Kopf zu tragen schien. Der einzige Vorteil, den sie der längst brav-gewaschenen Maus gegenüber hatte lag darin, dass Tinker Bell sich zumindest nicht für neue, ihrem eigentlichen Charakter zutiefst widerstrebende Filme hergeben musste. Zumindest für die nächsten fünf Jahrzehnte.
51gDdVWVdcL._SL1000_Als 2002 die Peter-Pan-Fortsetzung Neue Abenteuer in Nimmerland erschien, schien Tinker Bell auf den ersten Blick ganz die alte zu sein. Sie zeigte sich Jane gegenüber so unnahbar wie einst ihrer Mutter, und ihre exklusive Loyalität zu Peter Pan schien sich ganz eindeutig nicht auf dessen Freunde zu beziehen. Doch schon in diesem Film waren erste Abbrüche ihrer Persönlichkeit erkennbar; sie wirkte zu lieb, zu reingewaschen, und spätestens als sie am Ende, um eines herzerwärmenden Finales willen ihre Feindschaft mit Wendy begrub, war die gefährliche Entwicklung ihres Charakters nicht mehr zu übersehen.
wpid-tinkerbell-wallpaper-for-computers-hd1.pngDann startete Disney sein Fairies-Franchise, eine eigene Buch- und Filmkette nur um „Tinkerbell und ihre Freunde“, und spätestens ab diesem Zeitpunkt war das Desaster nicht mehr wegzuleugnen. Aus der aufbrausenden, überschäumenden Elfe mit sehr eigenen Moralvorstellungen ist eine nette, treuherzige kleine Fee geworden, der Freundschaft und Zusammenhalt über alles geht. Will man in dieser Reihe noch etwas von Tinker Bells ursprünglichem Charme entdecken, so muss man sich an Vidia wenden, die „böse“ unter den Fairies-Mädchen, die Einzige mit einer echten Persönlichkeit, und interessanterweise neben Tinker Bell auch die Einzige, die den Sprung von Buch- zu Filmreihe geschafft hat.
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Und nun kommt Pixar mit seinem neuesten Film daher. Ein Film, in dem die Hauptfiguren kleine bunte leuchtende Gestalten sind, die Riley, die menschliche Hauptfigur, auf ihrem Lebensweg leiten – ob nun zum guten oder zum bösen. Und die Parallelen zu Barries Peter Pan sind definitiv vorhanden: Wie dort die Elfen, so wachen hier die Gefühle zum Leben, wenn ein Baby das erste Mal lacht – oder eben weint, sich fürchtet oder wütend wird. Auch wird in Peter Pan betont, dass eine Elfe nur zu einem Gefühl auf einmal in der Lage ist; für mehr wäre ihr Kopf schlichtweg zu klein. Wenn sich Tinker Bell also ab und an als missgünstige, eifersüchtige Hexe zeigt, so kann sie kaum etwas dafür; sobald sie Wendy gegenübersteht empfindet sie nun einmal nichts mehr als reinen – nun ja – Ekel.
DISGUST_Fullbody_RenderDie „heutige“ Tinker Bell hat sicher für niemanden Ekel übrig, und so verwundert es nicht, wenn sie in ihrer Art höchsten an Freude aus dem Pixar-Film gemahnt. Doch Ekel ist die Figur, die mich an Tinker Bell erinnert, wie sie eigentlich ist, an ihre Launen, ihre Blasiertheit, und an den immerwährenden Charme, der hinter all der offensichtlichen Ablehnung steckt. Und ich bin dankbar dafür, dass ich nun in Ekel eine Figur erhalten habe, die die Erinnerung an die eigentliche, die wahre Tinker Bell wachhalten kann.

Die Animatoren bei Pixar sind mit Disney-Filmen aufgewachsen; genau wie wir alle haben sie die guten Seiten des Studios miterlebt, und auch die Patzer, die Disney in den letzten Jahrzehnten unterlaufen sind. Genau wie jeder unbeteiligte Zuschauer haben sie ihre Lieblingsfilme, ihre Figuren, die sie lieben und bewahrt sehen wollen. Und im Großen und Ganzen können sie wohl genauso wenig wie wir darauf Einfluss nehmen, was mit den alten, Prestige-trächtigen Disneyikonen geschieht, und wie sie verwendet werden.
inside_out_disgust_2nd_wallpaper__by_alonsocantu-d8yqy8sDoch worauf die Pixar-Künstler Einfluss nehmen können, das sind die neuen Figuren, die frischen Gestalten, die Jahr für Jahr aufs Neue die Leinwand bevölkern. Dies ist die Spielwiese, auf der sich heutige Animateure austoben können, und auf der sie ihre eigenen Ideen und Vorstellungen noch weitgehend unangetastet vorbringen können.
tinkerbell-jpgWenn am Ende der eine oder andere Künstler bei Pixar an Tinker Bell gedacht hat, wenn er ihr einen Tribut setzen wollte, um sie so darzustellen, wie es der kleinen Elfe eigentlich gebührt, so ist ein heutiger, neuer Film genau der richtige Ort dafür. Und wenn das Ergebnis eine kleine, grüne, funkelnde Emotion ist, eine kleine Schwester, oder auch nur entfernte Kusine der Sternenfee Naseweis, so bin ich darüber so glücklich, wie man es als langjähriger Bewunderer von Tinker Bell nur sein kann.